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2003-09-21, 10:00 Gottesdienst
Pfr. Jean-Marc Monhart

Bettag 2003

 

Predigttext Römer 8,14-17 [GN]

    (14)Alle, die sich von Gottes Geist leiten lassen, sind Gottes Kinder.

    (15)Ihr müsst euch also nicht mehr vor Gott fürchten. Er hat euch seinen Geist gegeben, und das zeigt euch, dass ihr nicht seine Sklaven, sondern seine Kinder seid. Weil sein Geist in uns lebt, sagen wir zu Gott: „Abba! Vater!“

    (16)Und Gottes Geist bestätigt unserem Geist, dass wir wirklich Gottes Kinder sind.

    (17)Wenn wir aber Gottes Kinder sind, dann wird Gott uns auch schenken, was er seinen Kindern versprochen hat. Er will uns das Leben in Herrlichkeit schenken, das er Christus gegeben hat. Wenn wir wirklich mit Christus leiden, dann sollen wir auch seine Herrlichkeit mit ihm teilen.

 

Liebi Gmaind,

en ferne Gott und en nöche Gott – ob aim Gott nöch isch, ob mer s Gfühl hett, dass Gott aim nöch isch, dass mer Gott nöch isch, vo was hängt das ab?

Vilicht isch es e rein religiösi Sach, e Aaglegeheit vo dr religiöse Iistellig. Di aine glaubed halt an en Gott, wo nöch bi ihne isch, und di andere händ s Gfühl, Gott seig unnahbar, mer chiemi nöd zu ihm ane.

Möglicherwiis gits no anderi Faktore als religiösi, ob ich eher em ainte oder andere Glaubensstil zuä’naige.

Im Predigttext, de Vers 14-17 us em 8. Kapitel vom Briäf an d Chile’gmaind in Rom, wird s Familiä’läbe als Bild benutzt. Gott erschiint als Vater, und ali Lüüt, wo vo ihm inspiriärt sind, werded als sini Chind dar’g’stellt.

Das Bild isch nöd immer s gliiche, es isch kais konstants Bild. Dr Umgang vo Vätere und Chind isch individuell verschide. Es git verschideni Persönlichkeits’type, und entsprechend verhalted si sich verschide ihrne Chind gegen’über.

Und denn git’s aber no so nen common sense, en allgemeini Iistellig, das, wo „mer“ über s Verhalte vo mene normale, guäte Vater so dänkt.

Dr common sense isch das, wo dr gsundi Mensche’verstand über s Vater-sii dänkt.

Dr gsundi Mänsche’verstand isch wandelbar.

Vor 50 oder vor 100 Johr hett er zum Thema Vater-Chind-Bezüchig öpis anders gsait als hütt. Vilicht nöd grad s Gege’tail, aber doch nöd s genau gliich wi hüt.

Das merked mir speziell in de hütige kulturelle Mixture.

Multi-kulti bedütet, dass verschideni Forme vo sogenanntem „gsundem Mensche’verstand“ ufenand treffed oder pralled.

Mir wärded mit eme autoritäre, patriarchalische Vater-Bild konfrontiärt, wo uf em Balkan und in Nordafrika dr gsellschaftlich Normalfall isch, und wo mir gmaint händ, mir heiged s hinter üüs.

Gest isch uf Tele Züri d Dating-Show „Swiss Date“ cho, und d Single-Kandidatin isch vom Moderator über ihri frühäre ernsthafte Liäbes’bezüchige uus’g’frogt worde.

D Kandidatin vom Swiss Date hätt sich denn an ihri ersti grossi Bezüchig erinneret, wo us em Kosovo g’stammt isch. Etlichi Rendez-vous mit ihrem Fründ sind churz’fristig is Wasser g’falle, wenn ihre Fründ ihre aa’glüütet hett, dr Vater heigi ihn derhai im Zimmer ii’g’sperrt. Und im gemeinsame Uus’gang hett mer mängisch müse blitz’artig uf Tauchstation goh, wenn en Familiä’angehörige oder Verwandte oder Bekannte vom Vater vom Fründ erschine isch und dr Sohn mit sinere Schwizer Fründin hätti chöne gseh.

Das Konzept vo „Vater“ hett e alti mittel’meerischi Tradition.

Es isch s Konzept vom sogenannte „Pater familias“, vom altrömische Huusdiktator. Es stammt in sinere philosophisch beschönigte Fassig us dr alte römische Ziit.

Dr pater familias, dr Huusvorstand, der Obmann der gesamten Familie, das isch in sim Gärtli dr Herr über Läbe und Tod.

Nach em alte römische Rächt isch e Frau, wo ihres Chind tötet hett, sälber mit em Tod bestroft worde. Dr Chef vo dr Familiä hingege hett nach dr Geburt s Rächt gha, s Chind stroflos z töte.

Im alte römische Riich hett s noigeborene Chind müse em Vater zur Anerkennig vor’glait werde. Und wenn dr Vater das Chind anerkennt hett, denn hätts dörfe läbe. Und wenn dr Vater s Chind nöd anerkennt hett, isch das s Todes’urteil für s Chind gsi.

„Ich bin Vater“ heisst in däm Zsäme’hang „Ich bin Herr über Läbe und Tod vo allne, wo unter mim Dach wohned“.

Us hütiger Sicht würdi mer säge, das Verbot vo de Fraue, ihri Chind z töde, seigi zum Schutz vo de Chind erloh worde. –

Das isch nöd so sicher. D Todes’strof für Chinds’mörderine bi de alte Römer isch in erster Liniä drum verhängt worde, wil e Frau, wo ihres Chind tötet, in Herrschafts’bereich vo ihrem Maa ii’griift.

Si benimmt sich eso, wiä wenn si en Maa wär, wiä wenn SIE dr pater familias wär, und diä Amts’amassig - diä Überheblichkeit - isch nach em römische G’setz mit em Tod bestroft worde.

Dr Vorteil vomene patriarchalische Vater-Konzept isch, dass mer wenigstens waiss, was gilt.

Mer waiss: ain isch dr Boss, alli andere im Huus münd spuure. Das isch en aifachi Idee.

Mir händ s patriarchalische Vater-Konzept in dr Schwiz ab’g’schafft, im Moment no.

Aber es wachsed bi ois sehr vili Jugendlichi uuf, wo dehaimet en Vater händ, wo sich als absolute Herrscher in sim Reviär betrachtet. Und wo prüglet, damit sini absolut Herrschaft möglichst lang ufrecht erhalte bliibt. Und wenn sich Familiä’mitglieder au mit Schläg und Drohige nüme unter dr Herrschaft vom Vater zruck’bhalte loh wänd, denn hend si ihres Läbens’recht ohnihin  ver’wirkt. Wil, ich han s bereits erwähnt, dr pater familias „der Herr über Leben und Tod der Seinen“ isch.

Di Abtrünnige sind Verräter, und uf Verrat stoht d Todes’strof.

In de Ziitige stoht denn wieder emol en Artikel über es „Familiendrama“. 

So patriarchalischi Gedanke händ natürlich nöd nur Lüüt, wo uf em Balkan oder in orientalische Länder uuf’gwachse sind. En chliine Patriarch steckt in jedem Maa, behaupt ich jetzt emol.

Dr Unter’schied isch dr gsundi Mensche’verstand. In de ainte Länder oder sogar Welt’gegende sait dr gsundi Mensche’verstand, dr Vater seigi dr absoluti Herrscher, das seigi normal.

Joh, und was seit jetzt oise gsundi Mensche’verstand?

Das isch ebe nöd so klar. Es git es wiitverbreitets Unwohlsii gegenüber de Uuswüchs vom patriarchalische System.

Mer gmerkt, dass es es überholts System isch, wo vilicht in dr Stei’ziit emol sini Berechtigung gha hett.

Aber jetzt sind mir nüme in dr Stai’ziit, und jetzt schadet das patriarchalische System meh, als dass es de Betroffene nützt.

Das patriarchalische System schadet übrigens au em Vater. Dr Vater bechummt vo sine Aa’g’hörige kai Liäbi, sondern Angst. Er wird nöd akzeptiärt, sondern g’fürchtet. Und dr Hass, wo verprügleti Jugendlichi ihrne Vätere gegenüber händ, aber ihrem Vater gegenüber joh aigentlich nöd haa dörfted, wil s doch dr Vater isch, där lönd si denn an andere Lüüt ab, wo nöd zur Familiä g’höred. Di Leid’tragende sind anderi Jugendlichi. Gwalt erzüügt Gege’gwalt. Und wil im patriarchalische System Gwalt gege dr Vater tabu isch, münd d Chind d Gwalt und dr Hass us dr Familä use’träge, in d Gsellschaft ine. In oiseri Gsellschaft.

Oises aigete Vaterbild isch diffus. Es git Vätere-Gspöchs’gruppe, wo sich Vätere drin probiäred z definiäre: was für en Vater bin ich, was für en Vater söll ich sii?

Bim Abschied neh vom patriarchalische System isch als Gege’bewegig di anti’autoritär Erzüchig cho, und jetzt schloht s Pendel wieder zrugg, und mer sait, d Chind bruuched Grenze und Regle.

Aber wo dass diä Grenze und Regle verlaufed, isch zum Tail e Verhandligs’sach.

Und Verhandlige mit Chind z füähre, bringt wiä au Verhandlige mit Erwachsene dr Zwang zu Argument. Das chan e muähsami Gschicht geh, wenn mer ekläre muäs, nöd nume was mer dörf und was mer nöd dörf, sondern wieso dass mer öpis dörf und us was für Gründ dass mer öpis nöd dörf.

Es Ziitli hett mer gsait, dass zwüschet Vater und Chind e Partnerschaft bestoh muäs.

Allmählich breitet sich d Erkenntnis us, dass es zumindest e ungliichmässigi Partnerschaft isch. Denn en Erwachsene hett anderi Uufgabe und Pflichte im Rahme vonere Familie als es Chind.

Was aber im Idealfall bestoht, isch es Gfühl vo dr Zsäme’ghörigkeit, en innere Zsämehalt.

In dr Sproch vo dr Bible heisst das „eines Geistes sein“.

Das Vater-Chind – System, wo im Römerbrief stoht, verabschiedet sich vo dr dur Gwalt erzügte Angst vor em Vater, und bringt stattdesse dr inneri Zsame’halt, das „eines Geistes sein“: „Ihr müsst euch also nicht mehr vor Gott fürchten“, heisst s doh.

Und es goht wiiter: „Er hat euch seinen Geist gegeben, und das zeigt euch, dass ihr nicht seine Sklaven, sondern seine Kinder seid.“

Diä Art vo Familiä schafft e gedanklichi und gfühls’mässigi Nöchi, es Iiverneh.

Oder, in de Wort vom Römerbriäf: „Weil sein Geist in uns lebt, sagen wir zu Gott: „Abba! Vater!“. „Abba“ heisst „Daddy“. Es isch en Kose’name für Vater. E vertraulichi Bezeichnig. „Daddy“ isch englisch. „Abba“ isch hebräisch.

Was mer sait, und ob mer überhaupt eso Verniedlichungs’wörter benutzt, isch natürlich Gschmacks’sach.

Es goht um dr Inhalt, um d Iistellig, wo in settige Wörter enthalte isch. Wenn mir Gott als Vater bezeichned, eso wiä im Gebät „Unser Vater“, denn dörfed mir ihn als en Vater gseh, wo ois nöch isch.

Er isch nöd en ferne Vater, en unnahbare.

Ich main das au gar nöd im Sinn vo Distanz in Meter und Centimeter.

Ob Mensche sich nöch sind, hett wenig dermit z tuä, ob si uf engem Ruum mitenand zsäme’läbed.

Wenn mehreri Persone in ere chliine Wohnig wohned, chan das statt Nöchi au aifach dr Flucht’instinkt fördere, dr Wunsch zum Uus’bräche.

Nöchi wäri, wenn mer sich nöch si will, und zwar vo baide Siite.

In däm Sinn, liäbi Gmaind, wünsch ich Ihne, dass Gott für Sie en nöche Gott isch, und dass Sie eines Geistes mit ihm sii chönd, innig verbunde.

AMEN.