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2003-11-23, 10:00 Gottesdienst
Pfr. Jean-Marc Monhart

Predigt am letzten Sonntag im Kirchenjahr

Gruss
„Haltet euch bereit und lasst eure Lampen nicht verlöschen!“ Lukas 12,35

Predigttext
Matthäus 25,1-13

    (01)„Wenn Gott sein Werk vollendet, wird es zugehen wie in der folgenden Geschichte: Zehn Mädchen gingen mit ihren Lampen hinaus, um den Bräutigam abzuholen.

    (02)Fünf von ihnen handelten klug, die anderen fünf gedankenlos.

    (03)Die Gedankenlosen nahmen nur ihre Lampen mit,

    (04)während die Klugen auch noch Öl zum Nachfüllen mitnahmen. /

    (05)Weil der Bräutigam sich verspätete, wurden sie alle müde und schliefen ein.

    (06)Mitten in der Nacht hörte man rufen: ‚Der Bräutigam kommt, geht ihm entgegen!‘

    (07)Die zehn Mädchen wachten auf und brachten ihre Lampen in Ordnung.

    (08)Da baten die Gedankenlosen die anderen: ‚Gebt uns von eurem Öl etwas ab, denn unsere Lampen gehen aus.‘

    (09)Aber die Klugen sagten: ‚Ausgeschlossen, dann reicht es weder für uns noch für euch. Geht lieber zum Kaufmann und holt euch welches!‘ /

    (10)So machten sie sich auf den Weg, um Öl zu kaufen. Inzwischen kam der Bräutigam. Die fünf Klugen, die darauf vorbereitet waren, gingen mit ihm zum Hochzeitsfest, und die Türen wurden hinter ihnen geschlossen.

    (11)Schliesslich kamen die anderen nach und riefen: ‚Herr, mach uns auf!‘

    (12)Aber der Bräutigam wies sie ab und sagte: ‚Ich kenne euch überhaupt nicht!‘ /

    (13)Darum bleibt wach, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde im Voraus!“

 

Liäbi Gmaind,

zwei Mol fangt s noiä Johr aa, zwei Mol hört’s uuf.

Hüt isch dr letzt Sunntig im Chile’johr. Am nächste Sunntig fangt mit  em erste Advent s noiä Chile’johr aa.

S Kalender’johr loht sich no en guäte Monet Ziit. Es hört erst in öpe foif Wuche uuf. S Kalender’noi’johr findet denn am 1. Januar 2004 statt.

Di grosse Festivitäte mit Füür’werk und Schuum’wii git’s anlässlich em Kalender-Neujohr.

Dr Schluss vom Chile’johr verlauft demgegenüber traditionell unspektakulär. Es passiärt nüt Bsundrigs.

Oder doch?

Mir fiired en Gottesdiänst. Das mached mir zwar an jedem Sunntig eso, und no an mänge andere Täg. Trotzdäm han ich s G’fühl nonig ver’loore, dass en Gottes’diänst z fiire öpis Bsundrigs isch.

Bereits dr Sunntig isch öpis Bsundrigs. Es git en nur ainisch in dr Wuche. Und ich han nöd jede Sunntig Gottes’diänst. Das, was ich vo einzelne Lüüt us dr Vergange’heit g’höre, nämlich, dass si e „Gottes’diänst’vergiftig“ heiged, das chan ich im Chopf nach’voll’ziäh, g’fühls’mässig aber nöd. 

Ob öpis giftig isch, hängt mit dr Dosis z’säme, und so chan’s natürlich au e Überdosis Gottes’diänst gee. Das isch aber vermuätlich kais Problem, wo mir in dr Gege’wart händ. Di über’wiegend Zahl vo de Chile’mit’glieder konsumiärt Gottesdiänst in äre Dosis, wo sicher kei Vergiftig droht.

Wenn s Chile’johr und s Kalender’johr verschide vonenand sind, denn stell ich mir d Frog: isch das aifach e schlechti Organisation, oder sind s Chile’johr und s Kalender’johr inhaltlich verschide, sodass mer si tatsächlich usenand halte muäs?

S ainte, s Kalender’johr, das isch s normale Läbe, wo mer go schaffe goht, Familiä hett, am Morge uuf’stoht, wo mer isst und trinkt und Fründ’schafte pflegt, wo mer naimet wohnt und sich engagiärt und sine Freiziit’beschäftigunge nach’goht und dr Huus’halt macht.

Dass mer do aimol im Johr inne’haltet und e Standortbestimmig vor’nimmt, macht Sinn. Bilanz züche: was isch gsi. Sich zwäg legge: was söll werde. Das sött mer vermuätlich scho emol mache.

Theoretisch chönnti mer’s an jedem beliäbige Tag vom Johr mache, sini Ziil sich in Erinnerig z rüafe und sich überlegge, was vo de Ziil vom ab’g’loffene Johr mer erreicht hett.

Bequemer isch es, wenn mer nöd dr ainzig isch, wo sich mit settige Gedanke usenand setzt. Bequemer isch es, wenn mer wi vili anderi Lüüt ebefalls sini Standortbestimmig ganz am Schluss vom Kalender’johr vornimmt.

Dodrfür gits verschideni Gründ: ich g’höre zu däne Mänsche, wo Entscheid und Arbete gärn möglichst wiit use’schiäbed, bis mer sich denn effektiv dermit befasse muäs. Und dr 31. Dezember isch s letzt mögliche Datum. Wenn mer s no wiiter use’schiäbt, hett mer’s für das Johr verpasst.

En andere Grund zum dr offiziell Schlusstag als Gedanke’aa’stoss wähle zum Bilanz’züche, dass sind di assortiärte G’fühl. Es G’misch vo Z’fride’heit, Un’z’fride’heit, Resignation, Erliichterig, Dankbarkeit, Undankbarkeit und Vorwürf mit teils unklarer Adresse. In däm G’fühls’salat enthalte chan ferner sii en plötzlichi Iisicht in d Ver’gänglich’keit und di glasklar Erkenntnis, dass mer weniger Iifluss uf dr Ver’lauf vom aigete Läbe hett, als aim liäb isch.

Sonere G’fühls’mischig setzt mer sich liichter uus, wenn aim bewusst isch, dass es de anderne am gliiche Tag ähnlich goht.

Das isch s weltliche Johr gsi. Oder isch es denn gsi, am 31. Dezember.

Und s kirchliche Johr? Isch das öpis Separats, füähred mir es Doppel’läbe? Sind mir ainersiits Christe und anderersiits Mänsche?

Lauft üseri Frömmigkeit in anderne Schine als di wältlich Existenz?

Wenn mer sich im sogenannt normale Läbe Ziil steckt und Bilanz zücht, was di früänerige Ziil aa’goht, denn chönnt mer das im sogenannt religiöse Läbe gliichfalls tuä.

Mer chönti sich fröge: was will ich im noiä Chile’johr mit Gott er’reiche? Wiä söll sich mini Frömmig’keit, also mini Bezüchig mit Gott, im frische Johres’lauf ent’falte?

Und rückblickend: was hett Gott im letzte Chile’johr vo mir gha? Was hetts ihm brocht, dass ich di ver’gangene 12 Mönet en Christ gsi bin, dass ich also dr Ehre’name vo sim Sohn Jesus Christus in minere Religions’zuä’ge’hörig’keit trait han?

Was han ich als Christ erreicht letzt’s Johr? Was hätti ich gern erreicht?

Und wo han ich vo Gott vilicht meh gha als es hätti müse sii? Im vergangene Johr han ich vermehrt di un’er’bittlich Siite vo Gott kenne’g’lernt, dr konsequent Persönlichkeits’aspekt. Dass nöd alles gliich’ziitig möglich isch, dass mer sich gelegentlich entscheide muäs mit de Folge, und, dass mängisch für ain entschide worde isch.

Im vergangene Siite isch mir im religiöse Sinn klarer worde, dass min aigete freie Wille präformiärt isch, vor’g’formt isch dur Iidrück, won ich dur’s Eltere’huus, dur d Familiä im wiitere Sinn, dur Vor’fahre, Vorbilder und Lehr’persone über’choo han.

Als Protestant neige ich derzuä, dr frei Wille vom Mensch, sini Entscheidigs’freiheit, stark z betone. Ich bin nach wi vor dr Mainig, dass es en Wille git, dass es en inneri Frei’heit git, und dass mer uf sis aigete Läbe Iifluss neh chan und dass mer sogar derzuä ver’pflichtet isch, uf sis aigete Läbe Iifluss z neh.

Dr Energie’uufwand, wo s bruucht, zum di troffene Entscheidige dure’z’züche, isch aber unter Umstände beträchtlich. Und es chan sich zaige, dass mer Prioritäte setze muäs. S Notwendige vom Wünschenswerte z unter’scheide, isch in dr Politik e Frog vom Geld. Im Privatläbe isch es e Frog vo dr Chraft, wo mer hett, vo dr Energie, wo aim zur Verfüägig stoht. Mer muäs sini persönliche Ressource z’erst döt ii’setze, wo s nötig isch. Und wenn mer denn no vorig hätt, chummt s Wünschens’werte dra, das, wo sust no schön wär.

Viles, won ich glücklich bin drüber, han ich nöd us freiem Wille. Ich verdanks nöd mir sälber, minere Eige’leistig. Ich hans überchoo, ich bin prägt worde, und jetzt chan ich s lediglich be’urteile, iischätze. Ich chan luäge, dass ich öpis rächts dermit mache, und ich chan dankbar sii derfür.

Was bedütet das, wenn sovil in minere Existenz vor’geh isch? Ich glaub sogar, dass ich Glück gha han, wil mini Prägig im Nach’hinein betrachtet zu mine Gunste uus’g’falle isch. S Ernüächternde dra isch aber, dass ich kais leers Blatt Papier bin, wo sich sälber beschriftet hätt. Am Buäch vo mim Läbe han ich sälber mit’gschribe.

Das isch scho emol es Privileg gegenüber sehr vilne Mensche, wo überhaupt nöd g’frögt werded, was in ihrem Buäch vom Läbe drin stoh söll. Do wird aifach öpis drii’gschribe vo anderne Lüüt. Guäts, Schlechts. Aber nüt aigets.

D Erwartige an d Mitbestimmig über s aigete Läbe sind gross.

Ich wünsch mir, dass diä Erwartige sich no wiiter uus’braited. Es git Religione, wo in ihrer Tradition drin händ, dass anderi für ain entschaided, und dass mer das widerspruchslos hiineh muäs, dass anderi für ain entscheided.

Usser dr protestantische Form vom Christe’tum sind das aigentlich sämtlichi Religione, wo das anderi-sölled-für-ain-entscheide-Konzept händ.

Ich finde das Konzept „anderi sölled für ain entschaide“ falsch.

Min blinde Fläck isch allerdings, dass ich glaube, mir chönd über alles entscheide und händ oises Läbe komplett in de Händ und sölled oises Läbe komplett in de Händ haa.

Das isch en Über’triibig uf di anderi Siite zuä.

Mini Mainig isch, dass mer d Freiheit haa muäs, zum selber entscheide.

Religionsforme, wo diä Freiheit ablehned, muäs mer ablehne. Mit öpertem, wo mir mini Freiheit neh möcht, chan ich kai Kompromiss mache. Entweder es g’lingt ihm, mir d Freiheit z neh.

Oder es g’lingt mir, d Freiheit z bewahre – diä Frei’heit, wo Gott mich der’zuä beruäfe hett.

 

Liäbi Gmaind,

Entscheidigs’freiheit und Konsequenz: im hütige Predigt’text chummt beides vor. Foif Brautjungfere händ sich entschide, für s nächtliche Warte uf d Aakunft vom Bräutigam Reserve’öl mit’z’neh.

Ich glaub, das zaigt ois öpis vo däm, was Entscheidig im praktische Fall bedütet. Entscheidig isch im Gliichnis vo Jesus und in oiserem religiöse Läbe nöd s gliiche wiä e Coop-Entscheidig. E Coop-Entscheidig isch: söll ich Kambly-Guätzli neh oder söll ich Wernli-Guätzli neh. Das isch G’schmacks’sach, beides isch richtig, mängisch nimmt mer di ainte, mängisch di andere, es chummt nöd druf aa.

D Entschaidig vo de foif Brautjungfere zum Reserve’öl mitneh isch e existenzielli Entscheidig. Diä, wo s derbi händ, sind nochher drin. Di andere sind dusse. Konsequent. D Entscheidig isch also kai Gschmacksach, sondern es git e g’schidi Entscheidig und es git e dummi Entscheidig. Es git es richtigs Verhalte und es git es falsches Verhalte.

S richtige Verhalte isch, dass mer voruusüberlait, und s richtige Verhalte wird belohnt.

S falsche Verhalte isch, dass mer sich nüt überlait. S falsche Verhalte isch also nöd, dass mer öpis Falsches macht, öpis Böses, öpis Gemains, öpis Schlimms. S falsche Verhalte isch nur, dass mer s richtige nöd macht – das, wo mer ebe hätti sölle druf choo, im Fall dass mer überlait hätti.

Di foif gedankelose Brautjungfere chömed im Gliichnis vom Jesus nöd in d Höll. Si chömed nöd in en Füürsee oder werded vo Tüüfel irgendwiä ploget.

Si sind aifach nöd derbi im Fest. An dr Hochziitsfiir. Diä findet ohni si statt. Wo dr Brütigam cho isch, sind di gedankelose wiit wäg gsi. Dr Bräutigam hett nüt vo ihne gha, denn si sind abwesend gsi.

Übrigens händ di gedankelose Brautjungfere no zmizt in dr Nacht dr Lampe’öl’verkäufer g’weckt. Vermuätlich isch di ganz Lampe’öl’verkäufer’familiä wach gsi, bis endlich alli foif gedankelose Brautjungfere ihres frische Öl postet gha händ. Und denn hätt no s Baby vo s Lampe’öl’verkäufers aafange schreie, und das hätt sich doch grad erst vor ere Stund beruhigt gha, und Mami und Papi und di ältere G’schwüsterti sind doch scho so erliichteret gsi, dass si jetzt endlich ihre verdiänti Schlof finded.

Und denn chömed di cheibe tumme Brautjungfere und wänd mizt in dr Nacht Lampe’öl.

Also, am Fest sind si nöd derbi, obwohl si no extra Lampe’ver’kaufers g’nervt händ. S Entscheidende isch, dass dr Brütigam sait: „Ich kenne euch überhaupt nicht!“ Wil dr Brütigam si bim Iizug in sis Hochziits’fiir’huus nöd aa’troffe hett. Si sind nöd döt gsi. Si sind nöd ume gsi. Und jetzt isch dr Bräutigam beleidiget: diä sind nöd emol derbi, wenn ich is Hoch’ziits’huus ii’ziäh, aber ans chalte Buffet und an Tanz wänd si trotzdäm?

Und tschüss.

Am Jesus sis Schlusswort luutet: „Darum bleibt wach, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde im Voraus!“

Dr Jesus sait das im Hinblick uf s Änd vo dr Ziit, wenn er in Herrlichkeit zruck’kehrt.

Im Hinblick uf s Gliichnis hätti er s chöne lockerer formuliäre. Denn wach bliibe muäs niämert. Ali zäh Bruutjungfere werded müäd und schlofed ii. S Schlusswort rain uf s Gliichnis bezoge hätti chöne luute: „Schlaft ruhig ein! Hauptsache, ihr habt Reserveöl!“

AMEN.