|
|
|
|
|
|
|
|
|
2003-03-23, 10:00 Gottesdienst OCULI - Meine Augen sehen stets auf den Herrn. (Psalm 25,15) Dr Sunntig im Chile’johr heisst „OCULI“, s latinische Wort für „AUGEN“. Das nimmt Bezug uf Psalm 25, Vers 15: „Meine AUGEN sehen stets auf den Herrn.“ „Augen“ und „stets sehen“ sind zur Ziit tatsächlich es Thema. Nöd wäge dr Faste’ziit und em Psalmvers, sondern wägem Krieg gege dr Sadam Hussein. Uf mehrere Fernseh’kanäl chamer sich rund um d Uhr uf dr noisti Stand bringe loh. Dank Satelitte’telefon mit digitaler Bild’überträgig gsehnd oisi Auge immer wieder live, was in dr irakische Wüesti passiert. Im Golf’chrieg vor eme Johr’zehnt sind’s d Ziilfilm vo de fern’g’lenkte Bombe gsi, wo dr Chriegsberichterstattig en noie Look gee hend. Es isch 1991 en noie Aablick gsi, wenn mer uf eme schwarz-wisse Zielfilm s Aagriffszil und denn dr Iischlag vo dr fern’g’lenkte Bombe gseh hett. Bim jetztige Irak-Chrieg bestoht dr noii Aablick us de verwacklete digitale Live-Bilder, won en mitfahrende Reporter us dr Panzerkolonne übermittlet. Dr Reporter streckt sini chli Digitalkamera usem Fenster vo Geländefahrzüüg, wo er drin sitzt, und di ganz Welt chan gseh, wiä e Panzerkolonne mit Karacho dur d Wüesti uf Bagdad zue’rast. OCULI – Augen.
Aber dr Chrieg isch nöd nur öpis für d Auge. Das, wo mer gseht, sött mer au verarbeite. Dr Chile’rat vom Kanton Zürich hett es Schribe verschickt, wonach mer sich in de gege’wärtige Gottes’dienst unbedingt zur aktuelle Situation im Irak üssere sölli. Suscht heisst s doch ämigs, d Chile söll nöd politisiäre, und scho gar nöd in Form vo Pfärrer, wo in dr Kanzle stönd und über Politik reded statt über Religion. Aber jetzt sind 86 Prozent vo de Befrogte Schwizer gege dr Irak-Chrieg, und drum findet dr Chile’rat vom Kanton Zürich, wenn sovil drgege sind, denn chan d Chile ebefalls drgege sii.
Liäbi Gmaind, isch es d Uufgab vo dr Chile, für das z sii, wo d Mehrheit drfür isch, und gege das z sii, wo d Mehrheit drgege isch? Sit 1979 isch dr Sadam Hussein im Irak an dr Macht. Ich mögt mich nöd erinnere, dass es uf em Platz vor em Grossmünster in Zürich jemals es Friedens-Füür zum Gedenke an di unterdrückti irakischi Bevölkerig gee hetti. In däne 15 Johr, won ich Pfarrer bin, mag ich mich au nöd an en Zürcher Friedens-Gottesdienst für di viele 10'000 Opfer vom Hussein erinnere. Wenn dr Sadam sini eigeti Bevölkerig grausam unterdruckt, isch das für di offizielli Chile kais Thema gsi. Und mer hätted 24 Johr Ziit gha sit 1979, zum das zur Kenntnis neh. Sowit ich mich erinnere chan, sind aber niä Schüeler in Zürich und Basel und Bern zu Tuusige uf d Stross gange, zum für di Kurde und Schiite und politisch Verfolgte im Irak z demonstriere, wo dr Sadam und sini Folterknecht Johr für Johr um’brocht hend. D Verbreche vom Sadam sind zwar in oiserne Ziitige cho. Mer hetts immer chöne nochläse, und am Fernseh hetts Dokumentar-Sendige gee. Aber in de Chöpf vonere grosse Anzahl vo Schwizer hett das offebar nüt bewegt. Es isch niä dr Unterricht uus’g’falle, wil Schüeler und Jugendlichi für d Befrei’ig vom irakische Volk vom Sadam Hussein demonstriert hätted. Jetzt – jetzt demonstriered sii. „Herr, bewahre mich davor, dass meine Wünsche in Erfüllung gehen.“ Das Churz-Gebät halte ich für sehr aktuell. „Herr, bewahre mich davor, dass meine Wünsche in Erfüllung gehen.“ Was bedütet der Stoss-Süüfzer in Bezug uf dr Irak-Chriäg? D Friedens-Demonstrante wünsched sich, dass d Amerikaner dr Aagriff uf dr Sadam Hussein sofort ab’breched. Vili Politiker welt’wiit wünsched sich, dass dr Bush sine Truppe dr Befehl git, dr Aagriff uf dr Hussein sofort z be’ende.
Liäbi Gmaind, stelled Si sich vor, dr Wunsch goht in Erfüllig. Stelled Si sich vor, diä zahlriiche Friedens-Demos rund um d Wält wäred erfolgriich. D Amerikaner und d Brite, d Spanier, d Pole, d Däne und d Niederländer breched ihre Kampf gege dr Sadam ab. Denn wäri – nach Meinig vo de Demonstrante und Politiker, wo sich das g’wünscht händ, Fridä. Dr Sadam Hussein würdi an dr Macht bliibe. So, wiän er in de letzte 24 Johr an dr Macht gsi isch, so chönti er au in de nächste 24 Johr an dr Macht bliibe. Und wenn er sich vorher pensioniäre loh wett, denn chan er d Macht aim vo sine beide Söhn Uday und Kusai übergee. Zwar würded vo Ziit zu Ziit es paar UNO-Inspektore ihri Nase in irakische Sand stecke. Dr Sadam müssti zwar hii und da es verbotes Dokument uushändige oder e wundersamerwiis uufgfundeni Giftgasgranate abliefere. Dodrmit wär d UNO aber z’fride, denn in di innere Aa’glege’heite vomene Land mischt sich d UNO nöd ii. Fride, das würdi bedüte, dass dr Hussein sini Bevölkerig wiäner s bis jetzt gmacht hett, so au wiiterhin dur Massemord und Folterige unterdrückt. Das passiert, wenn dr Wunsch vo de Friedensdemonstrante in Erfüllig goht und dr Aagriff uf dr Sadam gstoppt wird. Sofort. Jetzt, während mir doh versammlet sind.
Liäbi Gmaind, ich han em Schribe vom Chile’rat entsproche. Dr Chile’rat hett vor’g’schlage, dass mer sich im Gottesdienst zur aktuelle Lag üsseret. Das han ich dodrmit g’macht. Wil’s ehnder e Stellig’nahm isch und nöd unbedingt e Predigt, bin ich für diä Wort nöd in d Kanzle gange, sondern dusse blibe.
Predigttext Lukas 9,57-62 (Gute Nachricht Bibel) {Jünger ohne Wenn und Aber}
(57)Unterwegs sprach ein Mann Jesus an: „Ich bin bereit, dir überallhin zu folgen.“ (58)Jesus sagte zu ihm: „Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest; aber der Menschensohn hat keinen Platz, wo er sich hinlegen und ausruhen kann.“ (59)Zu einem anderen sagte Jesus: „Geh mit mir!“ Er aber antwortete: „Herr, erlaube mir, erst noch meinen Vater zu begraben.“ (60)Jesus sagte zu ihm: „Lass doch die Toten ihre Toten begraben! Du aber geh und verkünde, dass Gott jetzt seine Herrschaft aufrichten will!“ (61)Ein anderer sagte: „Herr, ich will ja gerne mitkommen, aber lass mich erst noch von meiner Familie Abschied nehmen.“ (62)Jesus sagte zu ihm: „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut, den kann Gott nicht gebrauchen, wenn er jetzt seine Herrschaft aufrichten will.“
Liäbi Gmaind, Jesus-Zitat in dr Bible – das, wo in dr Bible Jesus sait, hett er das würklich gsait? Oder händ anderi das erfunde, und nochher behauptet, dr Jesus heigi das gsait? Kritischi Bibelläser händ sich überlait, wenn dass en Spruch, wo dr Jesus in dr Bible sait, ächt tatsächlich vom Jesus seigi. Ais Merkmal luutet: wenn mer sich über en Spruch uuf’regt, denn isch er vermuetlich ächt. Wenn en Jesus-Spruch so quer in dr Landschaft ligt, dass mer drüber stolperet, denn isch er vermuetlich tatsächlich vom Jesus. Wenn das mit em Sich uufrege und quer in dr Landschaft ligge stimmt, denn hätted mir s im Abschnitt Lukas 9,57-62 mit drei „echte“ Jesus-Zitat z tuä. Dass mer als Jesus-Jünger zum Landstricher werde müsi, wiä im erste vo de drei Zitat erwähnt, dass beinhaltet e unangnehmi Uussag. Chönt ächt sii. Dass mer sogar d Beerdigung vom aigete Vater verpasse söll, zum in däre Ziit s Evangelium verkünde, wiä im zweite vo de drei Zitat erwähnt, das chan aim uufrege, so gfühllos chumts übere. Chönt ächt sii. Dass mer nöd emol vo sinere Familiä Abschied neh söll, wenn mer mit em Jesus uf d Wanderschaft goht, sondern aifach – us dr Sicht vo dr Familie – vo dr Bildflächi verschwinde, wiä s dritte vo de drei Zitat verlangt, das macht esonen unmenschliche Iidruck, dass mer Müeh dermit bechoo chan. Chönnt ächt sii. „Ächt“ bedütet: Jesus hetts tatsächlich gsait. Aber „ächt“ und „wahr“ isch nöd s gliiche. Wenn es Zitat ächt isch, bedütet das no lang nonig, dass der, wo s Zitat uus’g’sproche hett, rächt gha hett. Isch das rächt, isch es richtig, was dr Jesus gsait hett? Diä Frog mues mer sich separat stelle, dodrmit mues mer sich ebefalls beschäftige. Ich möcht allerdings no e Klammerbemerkig mache. In dr moderne Bibelforschig gits der Massstab „Wenn aim en Spruch vom Jesus uufregt, isch er ächt.“ Uf en Art lüchtet mir der Massstab ii. Aber vilicht steckt doch es einsiitigs Jesus-Bild drhinder. Und mit „einsiitig“ mein ich „läbensfremd“. Isch es nöd e chli e unrealistischi Aanahm, dass öpert in sim ganze Läbe nur aastössigi Sache sait? Sache, wo mer sich drüber uufrege chan? Sogar em Eminem rutscht vermuetlich hii und da emol en Satz use, wo kais ainzigs unanständigs Wort beinhaltet. Sonen Tag isch lang. Do chönntis sogar passiere, dass dr Rapper emol e ganzi Minute lang redet, ohni drbi z fluäche. Ich gang in mim Verglich jetzt vom Eminem wider zrugg zu Jesus. Dass Jesus immer nume extremi Sache gsait hett, dass chan ich mir nöd vorstelle. Dr Jesus hett vil prediget und mit Lüüt g’redet, und ich vermuete, s Meist wo er gsait hett, isch vo de Zuähörer überhaupt nöd als extrem aa’gluägt worde. Im Gege’tail, wenn der Jesus immer nur Extrems gsait hätti, denn hätti er vermuetlich gar nöd so vil Zuehörer gha. Also, zum d Klammere wieder schlüsse: Ich vermuete, dass im noie Testament au Sprüch vom Jesus ächt sind, wo mer sich überhaupt nöd drüber uufregt, wo aim überhaupt nöd aastössig vor’chömed. Wil vermuetlich vil vo däm, wo dr Jesus gsait hett, aifach em gsunde Mensche’verstand entsproche hett. Nur wenn aim das, wo mer ghört, ainigermasse verständlich vorchummt, blibt mer als Zuehörer draa.
Zitat 1: Heimatlosigkeit. Di erste 30 Johr vo sim Läbe isch dr Jesus nöd heimatlos gsi. Er hett en Bruef gha, en feste Wohnsitz und Familiä-Angehörigi. Wo dr Jesus uf Wanderschaft gsi isch, hett er dr Kontakt mit sinere Mueter bii’bhalte. Sin Vater isch vermuetlich damals scho gstorbe gsi, wil er nur in de Chindheits’gschichte vom Jesus vorchummt. Gschäftslüüt reised hützutags für es paar Täg uf Florida oder uf Pole, Tuusigi vo Kilometer vo derheimet entfernt. Am Jesus sini Wanderschaft hingege hett sich uf es Gebiät vo 150 Kilometer Längi und 60 Kilometer Breiti erstreckt, und an vilne Ort hetts Familieängehörigi vo Jesus-Jünger gha, wo ihn beherbergt hett. Usserdäm hett dr Jesus hüüfig im Huus vom Simon Petrus übernachtet, wo verhürotet gsi isch. Em Petrus sini Frau isch aber offebar emigs deheimet blibe, wenn dr Petrus mit em Jesus durs Land zoge isch zum predige. Öpert hett vermuetlich gliich müse dr Huushalt erledige, wenn d Manne wieder emol Wichtigers z tuä gha hend. Jesus isch kain entwurzlete, ainsame Wolf gsi. Er hett sich immene breite soziale Rahme bewegt. Er hett vili Lüüt kennt, oder er hett mit Lüüt z tuä gha, wo Lüüt kenned, wo er kennt hett. Sin Spruch „Die Füchse haben ihren Bau, ... aber der Menschensohn hat keinen Platz, wo er sich hinlegen kann“ isch also in erster Linie en Abschreckigs-Spruch gsi für Jünger, wo nöd voll und ganz hend welle Jünger sii. Schwachstrom-Jünger, Lauwarm-Jünger – settigi hett sonen Obdachlose-Spruch vilicht abgschreckt. Und denn hett sich dr Jesus nöd müse mit Lüüt ume’ärgere, wo ehnder durch Zuefall mit derbi gsi sind und aigentlich gar nöd richtig hend wele mit’mache. Wer bim Jesus mit derbi gsi isch, hett hingege ebefalls vo sim soziale Bezugssystem profitiert und mit sinere aigene Familie und em Kollege-Kreis das Bezüchigs-Netz no vergrösseret und dichter g’macht. Au in de Sprüch mit dr Beerdigung vom Vater und em Abschied vo dr Familiä gsehn ich eso Abschreckigs-Sätz für Lüüt, wo eh nöd derbi si wänd, aber sich sälber no öpis vormached. Wenn ain sin Vater richtig gärn gha hett, denn stellt er s gar nöd in Frog, ob er an d Beerdigung goh dörf. Denn goht er. Dr Jesus löst sich in dr Zwische-Ziit nöd in Luft uuf. Er isch vilicht es paar Tag spöter imene andere Dorf, aber er goht aim nöd verlore. Au das mit „Abschied neh vo dr Familie“ chumt mir ehnder wiän en Uusred vor. Bi dr Wanderschaft mit em Jesus chummt mer automatisch früener oder spöter wieder derheimet verbii. Und sowieso. Wenn mer weiss, dass mer en Jünger vom Jesus isch, denn isch d Gwüssheit entscheidend, en Jünger vom Jesus z sii. Das bedütet nöd, dass mer 24 Stund am Tag 7 Täg in dr Wuche hinter ihm dur Israel marschiert isch. Ohnehin hett sich dr Jesus für Stunde und mängisch tagelang zrugg’zoge, zum Bäte, Nochdänke und Ruäh haa. Vilfach isch er au nur mit wenige Jünger zsäme gsi. Wer also en Jünger vo Jesus gsi isch, hett andauernd sehr vil Ziit gha, zum sinere Familie Adieu säge und denn wieder Grüezi und denn wieder Adieu. Mer isch nöd uf dr andere Siite vom Atlantik gsi, sondern immer in dr Nöchi, immer maximal drei Täg Fuessmarsch ewäg. So gseh, sind am Jesus sini provokante Uus’sprüch en Entscheidigs’hilf. Wetsch, oder wetsch nöd. Um das goht’s. Und wenn mer nöd will, denn loht mer s ebe bliibe. Es isch aifacher für ali Beteiligte.
AMEN.
|