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2003-01-26, 10:00 Gottesdienst
Pfr. Jean-Marc Monhart

 

Schriftlesung: 4. Mose 6,22-27 „Der Segen, den die Priester sprechen sollen“

    (22)Der Herr sagte zu Mose:

    (23)„Wenn Aaron und seine Söhne der Gemeinde der Israeliten den Segen erteilen, sollen sie sprechen:

    (24)‚Der Herr möge euch reich beschenken und euch beschützen!

    (25)Freundlich blicke er euch an und wende euch seine Liebe zu!

    (26)Er sei euch nahe und schenke euch Glück und Frieden!‘

    (27)Mit diesen Worten sollen sie meinen Namen über den Israeliten ausrufen und sie daran erinnern, dass sie mir gehören. Dann werde ich mein Volk Israel segnen.“

 

Predigttext: 5. Mose 6,20-25 „Die grossen Taten Gottes weitersagen“

    (20)Wenn eure Kinder später fragen, wozu all die Weisungen, Gebote und Rechtsbestimmungen gut sind, die ihr vom Herrn, eurem Gott, bekommen habt,

    (21)dann gebt ihnen zur Antwort: „Als Sklaven mussten wir dem König von Ägypten dienen, doch der Herr befreite uns mit seinem starken Arm.

    (22)Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie er durch seine grossen Wundertaten Verderben über den Pharao und seine Familie und über alle Ägypter brachte.

    (23)Uns aber hat er aus Ägypten herausgeführt und in dieses Land gebracht, das er unseren Vorfahren versprochen hatte.

    (24)Er will auch in Zukunft dafür sorgen, dass wir am Leben bleiben und es uns gutgeht. Aber dafür verlangt er von uns, dass wir ihn ernst nehmen und nach den Geboten leben, die er uns gegeben hat.

    (25)Wenn wir alles genau befolgen, was der Herr, unser Gott, uns befohlen hat, dann können wir vor ihm bestehen.“

 

Predigt

 

Liebi Gmeind,

für das, wiä mer sich sälber verstoht, sind Erinnerige wichtig. Was ich so alles erläbt han, prägt mich. Es isch nöd en automatischi Prägig. Zwei verschideni Mensche chönd uf di gliichig Situation verschide reagiere. Verschideni Mensche werded drum dur s Erläbe vo dr gliichige Situation uf unterschiedlichi Art prägt.

Au wenn mers verschide uuffasst, bringt’s d Lüüt enand nöcher, wenn si gemeinsam öpis erläbt händ. Spöter chamer dervo verzelle, wiä’s gsi isch – und alli, wo drbi gsi sind, händ es Repertoire an Erinnerige, und chönd mit-rede.

Näber de persönliche Erinnerige gits no das, wo Vorfahre erläbt händ. Das sind über-persönlichi Erinnerige. Dr Wilhelm Tell isch scho längst tot. Trotzdem isch dr Wilhelm Tell eso bekannt, dass es in der Schwizer Illustrierte jedi Wuche en Comic-Strip git mit ihm als Hauptdarsteller. D Lüüt wüssed, was g’meint isch, und wiä diä Bildwitz vom Wilhelm Tell funktioniäred. Derbi händ si dr Wilhelm Tell damals nöd kennt, und si sind em scho gar nöd jemals leiblich gegenüber g’stande. Kenne chamer au öpis, wo mer nöd persönlich kennt. Sich identifiziere chan mer au mit öpis, wo scho lang verbi isch, wil’s wiit zrugg in dr Vergangeheit liit.

Als Predigttext händ mir es paar Vers us em 5. Buech Mose g’hört. Si enthalted es Identifikations-Aagebot für s israelitische Volk.

„Ihr sind diä, wo emol g’fange gsi sind und für anderi händ müse Sklave-Arbet leiste – bis dr Herr, oire Gott, oi us dr Sklaverei befreit und is gelobte Land g’füehrt hett.“ – Das isch s Identifikations-Aagebot vom Predigttext an d Israelite.

Sones Identifikations-Aagebot git sich nöd vo sälber wiiter. Es mues wiiterverzellt werde, vo Generation zu Generation. Und es mues attraktiv sii, irgendwiä vorteilhaft – und zwar so vorteilhaft, dass es sich de Junge gärn iiprägt, sodass si’s denn ebeso gärn wiitervermittlet, wenn si emol älter sind.

Di gemeinsam Erinnerig, dass Gott aim emol befreit hett, isch e kollektivi Erinnerig. Us dr Sklaverei vo Ägypte isch nöd en einzelne, es Individuum, ab’g’haue. Sondern e ganzi Volks’gruppe hett sich entfernt. Wenn mer s alte Testament genau liest, denn stellt mer sogar fest: d Israelite sind bi ihrer Flucht vo es paar Sippe und chlinere Stämm be’gleitet worde, wo sich elaige nöd getraut hätted zum Flüche, wo s aber im Schlepptau oder im Windschatte vo de Israelite g’wogt händ.

Zum Nochteil chan e kollektivi Erinnerig werde, wenn si aim negativ programmiert. In Afrika gits e kollektivi Erinnerig an d Ziit vo dr Kolonisation. Diä Ziit, wo europäischi Staate dr ganz afrikanisch Kontinent in Iifluss’zone uuftailt gha händ, isch verbi. Aber au hüt no gits Lüüt, vili Lüüt, wo sich in Politik und Wirtschaft als Opfer vonere früenere Kolonialpolitik verstönd. Dass si jetzt sälber für ihres Wohl’ergehe verantwortlich sind, wänd vili Afrikaner nöd akzeptiere, wil e kollektivi Erinnerig Vorteil hett, sogar, wenn si negativ isch. Sich als Opfer fühle hett dr Vorteil vo dr Bequemlichkeit. Statt di gegewärtige Problem aa’z’packe und sis Schicksal selber bestimme, isch es gmüetlicher, tüüf z süüfzge und denn z säge: Mir sind ali nur Opfer vo de früenerige Umständ. –

Demgegenüber isch di kollektiv Erinnerig vom 5. Buech Mose im Alte Testament zwar au vorteilhaft – wer fühlt sich nöd gärn als freie, befreite Mensch - , aber si füehrt nöd zwingend zur Bequemlichkeit. Wil der Gott, wo aim Freiheit schenkt, indem er d Vorfahre befreit hend, der will öpis derfür: s gliiche, wo er scho vo de Vorfahre wele hett, verlangt er vo de Gege’wärtige. Im Vers 24 heisst’s: „Er will auch in Zukunft dafür sorgen, dass wir am Leben bleiben und es uns gutgeht. Aber dafür verlangt er von uns, dass wir ihn ernst nehmen und nach den Geboten leben, die er uns gegeben hat. / Wenn wir alles genau befolgen, was der Herr, unser Gott, uns befohlen hat, dann können wir vor ihm bestehen.“

 

Liebi Gmaind,

wi gseht das für ois us?

Sit em Alte Testament isch einiges passiert.

Jesus isch zu ois cho, und somit isch s Ziitalter vom Noie Testament aa’broche, wo üs drin über Jesus verzellt wird.

Im Verlauf vo dr Ziit hett sich s Gottesbild g’wandlet. Gott isch dr gliich. S Bild, wo mir ois vo ihm mached, isch jedoch dr Ziit und Mode’iiflüss unterworfe. Ganz krass gseht mer das, wenn mer Darstellige vo Jesus vor Auge hett. Es git kai Huutfarb, wo Jesus nöd scho dermit gmolet worde wär. Und au in punkto Outfit und Uus’strahlig git’s ganz verschideni Jesus-Darstellige. Im Ziit’alter vo dr Uufklärig hett mer ihn als gebildete Lehrer dar’gstellt, in dr Flower-Power – Ziit als Hippie, im Mittelalter dergege als sogenannte „Schmerzensmann“ – als öpert, wo liide mues und wo mer s em aagseht. Mer chan nöd säge, dass ds ainte richtig und s andere falsch wär, vo däne drei Bilder, won ich jetzt erwähnt han. Aber wenn mer ais Bild nimmt und s verabsolutiert, denn wird s falsch. Wenn ich zum Bispil Jesus nur no als gebildete Lehrer darstelle, denn wird sini Botschaft e reini Theorie; si chummt uf es abghobes, intellektuells Niveau. In däre Ziit, wo mer Jesus uf Bilder als edli Lehrperson g’molet hett, sind denn au verschideni Lüüt dr Meinig gsi, di normale Mensche seiged für d Botschaft vo Jesus z dumm. Nur di ganz gschiide heiged di geistig Kapazität, zum d Lehr wahrhaftig z verstoh.

Bi de Gottesbilder isch es ähnlich wiä bi de Jesusbilder, nur dass es nöd gmoleti und gmeissleti Darstellige sind, sondern Bilder, wo mer sich dänkt.

Im alte Testament hett mer sich Gott sehr stark als aine vorgstellt, wo em Volk vo de Gläubige gegenüberstoht. Zwar hetts scho im alte Testament vili Schilderige wo persönliche Begegnige zwüschet Gott und eme einzelne Gläubige. Diä Begegnige sind aber nöd s Zentrum. Gott befreit s ganze Volk. Und s ganze Volk schuldet Gott Dank. Di ainzelne Gläubige werded uufgruefe, rächt z tuä, wil si zum Volk derzue g’höred.

Im noie Testament isch dr Aasatz anderst. Ich bin jetzt so frei und säge, s Gottesbild hett sich entwicklet. S Gottesbild hett sich wiiterentwicklet in dem Sinn, dass jetzt jede einzeln vor Gott stoht. Und das hett Konsequenze. Ich mues nöd aifach am richtige Ort derzue’ghöre. Es langt nöd, dass ich irgendwo derbi bin. Sondern ich mues individuell verstoh, dass ich befreit bin. Gott isch min Befreier, der vo mir. Solang ich mich nöd persönlich als befreite Mensch wahrnimme, fehlt mir dr Bezug zu Gott im noie Testament.

Wenn en einzelne Mensch seelisch frei wird, denn heisst das im noie Testament „Erlösig“. Ich bin en Erlöste. Nöd, wil mini Ur-Ur-Vorfahre das emol eso kapiert hend, sondern, wil ich sälber Jesus kenne’glernt han als Erlöser.

An d Stell vo dr Zuegehörigkeit isch d Erfahrig trete.

Zum Derbi sii mues mer nüt mache.

Zum en Erfahrig mache mues mer allerdings öpis erläbe.

In dr fromme Sproch gits für das „öpis“ s Wort „Bekehrig“. „Bekehrig“ isch öpis Positivs, wil’s betont, dass ich e persönlichi Bezüchig zu Gott bruuche.

Im alte Testament hett sich s Volk zu Gott bekehrt, nachdem s ihn zwischeziitlich verloh und sich vo ihm abgwendet hett.

Im noie Testament wird das uf e Einzelmensche-Stufe gstellt: „Kehrt um“ sait dr Johannes dr Täufer de Israelite. Diä, wo umkehred, lönd sich vo ihm taufe. Si sind nöd elai. D Taufi mit Untertauche im Jordan isch es Masse-Häppening. Aber das, wos uusmacht, ob sich öpert taufe loht, isch im Herz vo jedem Einzelne.

Zum Schluss no öpis, wo sich g’änderet hett. Bim 5. Buech Mose isch es wiä folgt formuliert: „Wenn wir alles genau befolgen, was der Herr, unser Gott, uns befohlen hat, dann können wir vor ihm bestehen.“ – Vor Gott bestoh chöne, quasi gliichi Auge’höchi mit ihm haa, das isch es höchs Ziil, vilicht e chli vermesse.

Im noie Testament wird d Uussag vom Mosebuech nöd abgschränzt – Jesus sait, kais i-Pünktli wird entfernt, vo däm, wo g’schribe stoht. S noie Testament macht en Ergänzig, nämlich diä: Niämert chan alles genau befolge, wo dr Herr, oise Gott, befohle hett, und drum chan au niemert dur sini Leistig uf gliichi Auge-Höchi mit Gott choo.

Das wär au nöd d Absicht. Scho im alte Testament isch d Liäbi vo Gott zu sim Volk öpis Un-Gschuldets. Gott liäbt sis Volk, wil er s liäbt – er isch frei in sinere Liäbi.

Im noie Testament liäbt Gott üs dur Jesus Christus. Sini Liäbi zu jedem Einzelne isch frei, nöd vo ois erzwunge. E freiwilligi, un-erzwungeni Zuewändig isch e Liäbi us Gnad. Gott isch gnädig, dass heisst, er wendet sich üs zue. Alles Guete, wo mir mache chönd, isch, dass mir uf sini Zuewendig mit oiserer Zuewändig reagiered.

Sich Gott zuewände, sich Gott zuä-kehre, däm cha mer „Bekehrig“ säge. Mir jetzt gfallt das Wort „Bekehrig“, anderi bevorzuged s Wort „Gotteserfahrung“ oder si formuliered „mystisches Erleben der Transzendenz“ – im Endeffekt isch es d Iisicht, dass Gott mich dur Jesus erlöst hätt und ich en freie Mensch bin – frei derfür, us Dankbarkeit Gott öpis z gee, wil er mir vil meh geh hett, zum Voruus.

AMEN.