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2003-04-18, 10:00 Karfreitag Abendmahlsgottesdienst
Pfr. Jean-Marc Monhart

Vers vom Brot-für-alle – Kalender: „Geht dein Feuer aus, holst du Feuer bei deinem Nachbarn – halte es ebenso mit der Weisheit.“ (Sprichwort aus Uganda)

 

Bibeltext: Johannes 19,16-30 [Gute Nachricht Bibel]

    (16)Da gab Pilatus ihnen nach und befahl, Jesus zu kreuzigen.
    „Jesus wird gekreuzigt"

    Die Soldaten übernahmen Jesus.

    (17)Er musste sein Kreuz selber aus der Stadt hinaustragen, bis zu dem Ort, der ‚Schädel‘ genannt wird – auf hebräisch heisst er Golgota.

    (18)Dort nagelten sie Jesus ans Kreuz. Rechts und links von ihm wurden zwei andere Männer gekreuzigt.

    (19)Pilatus liess ein Schild am Kreuz anbringen; darauf stand: „Jesus von Nazaret, der König der Juden“.

    (20)Der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nicht weit von der Stadt entfernt, deshalb lasen viele diese Aufschrift. Sie war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache abgefasst.

    (21)Die führenden Priester sagten zu Pilatus: „Schreib nicht: ‚Der König der Juden‘, sondern: ‚Dieser Mann hat behauptet: Ich bin der König der Juden.‘“

    (22)Pilatus sagte: „Was ich geschrieben habe, bleibt stehen.“ /

    (23)Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz genagelt hatten, nahmen sie seine Kleider und teilten sie in vier Teile. Jeder erhielt einen Teil. Das Untergewand aber war in einem Stück gewebt und hatte keine Naht.

    (24)Die Soldaten sagten zueinander: „Wir wollen es nicht zerreissen; das Los soll entscheiden, wer es bekommt.“ So traff ein, was in den heiligen Schriften vorausgesagt war: „Sie haben meine Kleider unter sich verteilt. Mein Gewand haben sie verlost.“ Genau das taten die Soldaten. /

    (25)Nahe bei dem Kreuz, an dem Jesus hing, standen vier Frauen: seine Mutter und deren Schwester sowie Maria, die Frau von Klopas, und Maria aus Magdala.

    (26)Jesus sah seine Mutter dort stehen und daneben den Jünger, den er liebte. Da sagte er zu seiner Mutter: „Er ist jetzt dein Sohn!“

    (27)Und zu dem Jünger sagte er: „Sie ist jetzt deine Mutter!“ Von da an nahm der Jünger sie bei sich auf.

    „Jesus stirbt“
    (28)Jesus wusste, dass nun alles zu Ende gebracht war. Damit
    die Voraussage in den heiligen Schriften in Erfüllung
    ging, sagte er: "Ich habe Durst!“

    (29)In der Nähe stand ein Gefäss mit Essig. Die Soldaten tauchten einen Schwamm hinein, steckten ihn auf einen Ysopzweig und hielten ihn Jesus an die Lippen.

    (30)Er nahm davon und sagte: „Jetzt ist alles vollendet.“ Dann neigte er den Kopf und starb.

 

Liebi Gmaind!

Karfriitig isch en spezielle Fiirtig, wil s kain Fiirtig vo dr Froid und vom Jubel isch, sondern öpis, wo mer sich mit em Liide usenandsetzt.

En Fiirtig sött fiirlich sii. Fiirlichkeit isch es Mittel zur Distanz. So gseh stellt sich d Frag, ob en Usenandersetzig mit em Leide und en Fiirtig überhaupt zämepassed.

E komplett distanzierti Betrachtig vom Liide wird jo am Liide gar nöd gerecht. Wenn ich an Karfriitig s Leide vo Jesus nöd an mich ane cho lohn, sondern s ganz mit Abstand betrachte, denn entgoht mir s Wesentliche. Ich bin persönlich nöd betroffe.

Also dörf dr Karfriitig nöd uus’schlüsslich en Fiirtig si. Er mues no e persönlichi Komponente enthalte. Ich mues mich chöne vom Laide vo Jesus direkt aa’spreche loh. Ich mues es Gfühl für sini Schmerze bechoo. Ich mues über dr Sinn vom Ganze nochdenke, ohni derbi z vergässe, dass sini Schmerze nöd nachträglich chliiner werded, wenn ich en Sinn entdecke im Opfer vo Jesus.

Wil vermuetlich scho jedes vo ois g’litte hett, wüssed mir allerdings, dass aim Laide und Schmerze sehr nöch goh chönd. So nöch, dass mer diä Erfahrig unter Umständ nüme wiederhole möcht. So nöch, dass mer’s bevorzugt, mit eme respektvolle Abstand an das zruck’z’fühle, wo aim so weh gmacht hett.

Und doh, an dere Stell, hett diä traditionell Fiirlichkeit am Karfriitig ihre Sinn, find ich. D Fiirlichkeit git mir der Abstand, won ich bruuche, damit ich vo aigete Erinnerige ans Leide nöd wieder ins Leide ine’zoge wirde, sondern fürschi in d Zuekunft luäge chan.

Ich erklär das amene Bispil. Bruefs’lüüt, wo immer wieder mit Leide und Schmerze konfrontiert werded, sind zum Bispil Autobahnpoliziste und Notfallsanitäter, wo als Tail vo ihrem Alltag mit Unfallopfer z tue händ.

Zum sich gege’siitig entlaste, chönd bispilswiis zäh Notfallsanitäter in en Kreis sitze und sich gegesiitig ihri schlimmste Erlebnis an de Unfallstelle uf Autobahne und Landstrosse und innerorts verzelle. Dass mer los wird, was ain belastet, isch befreiend. Es wird aim liichter ums Herz, vor allem, wil mer genau gspürt: di andere nüün Notfallsanitäter, wo mit mir im Kreis sitzed, diä verstöhnd mich, wil si ähnlichs erläbed wiä ich.

Bis an där Punkt isch di persönlich Usenander’setzig mit em Leide guät.

Aber es chan kippe.

Grad wenn ich en andere Mensch, wo Schlimms erläbt hett, persönlich guät verstohne, wil ich mich scho in gliichige Situatione befunde han, chan ich zu mim eigene Balast au no sin Balast adoptiere.

Grad wil ich so öpis scho sälber g’spürt han, chan s mir so vor’choo, als hätt ich däm sini belastende Erläbnis zuä’sätzlich zu mine aigete ebefalls no erläbt.

Us em Uustusch vo leidvolle Erfahrige zur Entlastig wird eso e Vermehrig vo leidvolle Erfahrige zur Belastig. Am Schluss hett jede in dem Kreis näber sine eigene Bürdeli au no diä Bürdeli vo de andere nüün zum Träge. Däm sait mer „Retraumatisierung“.

Und gliich isch es gschid, wenn Mänsche, wo mit Leide konfrontiert sind, sich unter’enand uus’tuusched. Mer mues rede mitenand, aber sogar s rede über Leide chan leide ver’ur’sache. Es git, wenn öpis Schlimms emol passiert isch, kain risiko’lose Umgang meh dermit.

Wenn mer nöd über s Leide redet, hett das ebefalls schlimmi Folge. Mer verdrängt öpis, cheert s unter de Teppich, und denn chummt’s irgendwenn amene andere Ort wider füre, oder mer stolperet drüber – und zwar zimli sicher im un’g’eignet’ste Moment, wenn mer sowieso scho be’aa‘sprucht isch.

 

Liebi Gmaind,

wenn mir üs mit Leide usenand’setzed, bruched mir derzuä Abstand. Drum empfiehlt mer zum Bispil de Notfallsanitäter, dass sie in ihrne Gspröchs’gruppe ain zum G’spröchs’leiter mached, oder sogar en externe G’spröchs’leiter bii’züched, zum e Retraumatisierig verhindere. Dr Gspröchs’leiter söll de Teilnehmer klar mache, dass jede das, won äs sälber erläbt hett, au sälber erläbt hett, und dass das, wo s ander erläbt hett, däm g’hört. E chli salopp uus’druckt: Jede hett sis aigete Bündeli zum Träge. Und ich mues nöd am andere sis Bündeli au no mit’träge. Sondern ich mues em andere sis Bündeli loh. Ich mues träge. Aber das, won ich träge mues, isch mis Bündeli.

Wieso söll mer denn no mit anderne über’s Leide rede, wenn am Änd doch jede selber en Umgang dermit finde mues?

Villicht, damit mer sich nöd für exklusiv haltet.

Villicht, damit mer nöd glaubt, mer seigi dr ainzig uf dr Wält, won em s Läbe en Zacke us dr Krone g’haue hett.

Und ganz sicher, damit mer de Schicksals’genosse gegenüber solidarisch sii chan und diä Solidarität zaigt. Mer chönti au säge: mer isch enand „nööch“. Aber es goht jo nöd um en reduziärte Abstand, sondern drum, dass mer Verständnis signalisiärt. Dass mer zuä’lost, was dr anderi beschäftiget, ohni dass mer dodrdur zum andere wird.

Dr therapeutisch Umgang mit em Leide setzt en g’wüsse Abstand voruus.

Es git no en andere Umgang mit em Leide, wo ebefalls sini Bedütig hett. Er macht aim nöd g’sund, er hilft aim vilicht nöd emol, besser z läbe, aber er hett e alti religiösi Tradition, sogar über s Christe’tum uus.

Ich rede vo dr Mystik.

D Karfriitigs’mystik beinhaltet, sich ins Leide vo Jesus z versenke. Das isch, wiä alles, wo mit Leide z tue hett, heikel.
Zum Vergliich gang ich nomol uf dr G’spröchs’kreis vo de Notfallsanitäter ii. Döt söll mer sich uus’tuusche, damit mer merkt: an de anderne goht’s eso wiä mir. Und das söll aim befähige, mit de schlimme Sache, wo mer uf de Unfall’stelle erläbt hett, fertig’z’werde – damit mer arbets’fähig, g’nuss’fähig und liäbes’fähig bliibt, also en komplette Mensch. Das isch dr Optimalfall. Wenn’s schief lauft im G’spröchs’kreis, denn chummts allerdings zu öpis anderem, nämlich zum Gegetail vom Optimalfall, zur Retraumatisierig. Denn raubt mer sich gege’siitig no di letzte Reste vo seelischer Uus’g’liche’heit. Und hinderet sich so draa, en komplette Mensch z’sii.

 

Liebi Gmaind,

bi dr Mystik isch dr Abstand zwische Optimal’fall und Absturz nöd eso gross wiä binere therapeutische G’spröchs’gruppe.

Im Idealfall schafft mer s in dr Mystik, sich ins Liide vo Jesus z versenke. Liide isch aber öpis, wo ain komplett in Aaspruch nimmt. Mer bruucht nöd ume’suscht d Rede’wendig „vom Leid überwältigt“. Wenn mer erfolgriich isch mit dr Karfriitigs’mystik, denn landet mer nüme in der Versenkig vom Leide vo Jesus, sondern nur no in der Versenkig vom Leide.

An dem Punkt chan mer aigentlich gar nüme ab’stürze. Dr Optimal’fall vo dr Karfriitigs’mystik isch bereits in etwa dr Absturz.

Und denn stellt sich d Frog, wiä mer wider doh use chummt. Es git au e „religiösi Retraumatisierig“. Sich an Karfriitig uf s Laide vo Jesus ii’z’loh, isch nur insowiit sinnvoll, als mer am Samstig wieder fähig isch, Gmües z poste, s Gschirr abzwäsche und um’z’telefoniäre.

Wenn mer sich erfolgriich mystisch uf Karfriitig iiloht, isch es unwahrschiinlich, dass mer uf Duur en arbets-, gnuss- und liebesfähige Mensch bliibt.

Das heisst nöd, dass mer s Leide vo Jesus gering achtet.

Sondern es heisst, dass ebe Jesus sis Leide gha hett. Und dass mis Leide nöd das Leide vo Jesus isch. Und mis Leide wird au niä das Leide vo Jesus werde, egal wiä gross und schmerzhaft mis Laide au werde würdi. Mis Leide chan scho elai drum nöd s Leide wo Jesus wärde, wil ich ich bin und dr Jesus dr Jesus isch. Mir sind zwai verschideni Mensche, zwei verschideni Persone, und dodrah änderet jedi Mystik nüt, und sig si no so tüüf und uufrichtig empfunde.

Gottesfurcht – Ehrfurcht vor Jesus – chan sich au dodrin zaige, dass mer Jesus sis Laide loht: dass mer akzeptiert, er hett das dure’g’macht, wo er dure’g’macht hett. Und wenn ich probiere, das noch’z’mache, chum ich ihm dur das nöd nöcher. Im Gege’tail, ich mach mir dur das höchstens no d Illusion, dass ich so seig wiä er.

Respekt vor em Leide vo Jesus chan sich au dodrin zaige, dass mer sait: er hett g’litte, nöd ich. Es isch siis Liide, für mich, für ois.

Mir chönd ihm das loh – nur wenn s vo ihm chummt und nöd vo ois, chönd mir d Wirkig vo sim Opfer aa’neh.

Denn chönd mir ihm danke, dass er alles uf sich gnoh hett, zum ois erlöse.

AMEN.