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2002-10-27, 10:00 Gottesdienst
Gruss „Arbeitet an euch selbst in der Furcht vor Gott, damit ihr gerettet werdet! (13) Ihr könnt es, denn Gott gibt euch nicht nur den guten Willen, sondern er selbst arbeitet an euch, damit seine Gnade bei euch ihr Ziel erreicht. [Philipper 2,12b-13]
Predigttext Matthäus 18,21-35 (Die Gute Nachricht: „Das Gleichnis vom hartherzigen Schuldner“) (21)Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte ihn: „Herr, wenn mein Bruder an mir schuldig wird, wie oft muss ich ihm verzeihen? Siebenmal?“ (22)„Nein, nicht siebenmal“, antwortete Jesus, „sondern siebzigmal siebenmal!“ Und er fuhr fort: / (23)„Wenn Gott seine Herrschaft aufrichtet, handelt er wie ein König, der mit den Verwaltern seiner Güter abrechnen wollte. (24)Gleich zu Beginn brachte man ihm einen Mann, der ihm einen Millionenbetrag schuldete. (25)Da er nicht zahlen konnte, befahl der Herr, ihn selbst mit Frau und Kindern und seinem ganzen Besitz zu verkaufen und den Erlös für die Tilgung der Schulden zu verwenden. (26)Aber der Schuldner warf sich vor ihm nieder und bat: „Hab doch Geduld mit mir! Ich will dir ja alles zurückzahlen.“ (27)Da bekam der Herr Mitleid; er gab ihn frei, und auch die Schuld erliess er ihm. / (28)Kaum draussen, traf dieser Mann auf einen Kollegen, der ihm einen geringen Betrag schuldete. Den packte er an der Kehle, würgte ihn und sagte: „Gib zurück, was du mir schuldest!“ (29)Der Schuldner fiel auf die Knie und bettelte: „Hab Geduld mit mir! Ich will es dir ja zurückgeben!“ (30)Aber darauf wollte sein Gläubiger nicht eingehen, sondern liess ihn sofort ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld beglichen hätte. / (31)Als das die anderen sahen, waren sie bestürzt. Sie liefen zu ihrem Herrn und erzählten ihm, was geschehen war. (32)Er liess den Mann kommen und sagte: „Was bist du für ein böser Mensch! Ich habe dir deine ganze Schuld erlassen, weil du mich darum gebeten hast. (33)Hättest du nicht auch Erbarmen mit deinem Kollegen haben können, so wie ich es mit dir gehabt habe?“ (34)Dann übergab er ihn voller Zorn den Folterknechten zur Bestrafung, bis die ganze Schuld zurückgezahlt wäre. / (35)So wird euch mein Vater im Himmel auch behandeln, wenn ihr eurem Bruder nicht von Herzen verzeiht.“
Liäbi Gmaind, es goht drum, wiä Gschwüsterti mitenand umgoh sölled. „Wivil Mol söll ich mim Bruäder vergeh, wenn er an mir schuldig wird“, frögt dr Petrus dr Jesus. Nur scho zum d Frog verstoh, sött mer es Gfühl drfür haa, was en Bruäder oder e Schwöster isch. Bi däne vile Einzel’chind, wo s hüt git, isch das mit ere zuä’sätzliche Schwirig’keit verbunde. En Bruäder oder e Schwöster, das isch öpert, wo mit mir verwandt isch, ohni dass ich s mir uus’gsuächt hätti, dass diä Person mit mir verwandt isch. Mir ghöred zur gliiche Familiä, mir ghöred zur gliiche Schicksals’gmeinschaft. Dr Petrus fröget dr Jesus nöd: „Wivil Mol muäs ich amene wild’fremde Mänsch vergeh, wo nüt mit mir z tuä hätt und wo mir nüt bedüütet.“ D Frog luutet: wivil Mol muäs ich amene Bruäder vergeh. Das isch aifacher und schwiriger gliichziitig. – Aifacher drum, wil amene wild’fremde Mänsch vergeh öpis relativ Abstrakts werde chan. Bimene Mänsch, wo ich nöd kenne, und wo an mir schuldig worde isch, chan ich mir no schnell emol iirede: diä Person hetts gar nöd persönlich g’maint. Diä Person kennt mich jo gar nöd. – Imene Interview mit Zugbeglaiter han ich g’läse, dass mer als Zugbeglaiter uf Nachtzüg regelmässig vo betrunkene Passagier beschimpft wird. Eini vo de interviewte Persone, e Zugbeglaiterin, hett gsait: wenn mich en Betrunkene beschimpft, denn schalte ich aifach uf Gotthard. Uf Gotthard schalte: zum ainte Tunnel’iigang, sprich Ohr, ine; zum andere use. Ich hoff jetzt natürlich, währenddem ich do obe stande, dass Si, liäbi Gmaind, nöd „uf Gotthard schalted“. Wenn mer verletzt wird vonere Person, wo mer nöd kennt, denn chas aifacher sii, däre Person z vergeh, wil mer dänkt, dass mer es zuä’felligs Opfer isch, und s genauso guät öpert anders hätti chöne ‚braiche als aim sälber. Wenn e Person an aim schuldig wird, wo mer nöd kennt, denn chas aifacher sii, däre Person z vergeh, wil mer dänkt, wenn ich jetzt nöd grad zu däre Ziit an däm Ort gsi wär, denn wär öpert anders an d Kasse choo. E beschimpfti Zug’beglaiterin cha sich eso säge: wenn ich hüt zum Früä’diänscht ii’tailt worde wär, denn hätted diä Betrunkene nöd mir Schlötterli aa’ghänkt, sondern däre Kollegin, wo denn anstatt mir Spöt’schicht hätti.
Liäbi Gmaind, binere Person, wo aim nöch’stoht, goht das mit dr Distanziärig nöd. Binere Person, wo mir vertraut isch, chan ich nöd so ohni Wiiteres säge: diä Person hätt jo gar nöd mich g’maint, ich bin nur zur falsche Ziit am falsche Ort gsi. – Binere Person, wo aim kennt, nimmt mer s eher persönlich. Und sone Person meint dr Petrus mit sinere Frog: wenn mich öpert verletzt, wo s besser wüsse sött, wivil Mol mus ich däre vergee. En „Brueder“ oder e „Schwöster“, das wäred Lüüt, wo aim vertraut sind, und wo eigentlich am gliiche Strick züche sötted wi mer sälber. Es sind Lüüt, wo mer mit ne läbt und wo aim drum guät kenned, wil si aim in jedere G’müets’lag scho emol erläbt händ. – Im Gliichnis vom Jesus gits es Machtgefälle. Zwai Mol bittet dr ainti Brueder dr anderi um Vergäbig. Und in beide Fäll isch där, wo bittet, weniger mächtig als där, wo bätte wird. Di beide Bitt’steller sind in dr Gschicht diä, wo am chürzere Hebel sitzed. Das isch nöd immer so. Gester hätt dr russisch Präsident Wladimir Putin e churzi Fernseh’aasproch g’halte. Dr Aafang dervor isch inere Nachrichte’sändig zaigt worde. Di erste Wort vom Putin an di russisch Bevölkerig händ nöd öpe gluutet „Grüezi mitenand“, sondern „Ich bitte Sie um Verzeihung“. Dr Präsident hätt sich bi däne Lüüt entschuldigt, wo bi dr Erstürmig vom Musical’theater es Angehörigs verlore händ. Dodrbi isch dr Präsident in ere mächtigere Position als di Angehörige vo däne Lüüt, wo bim Geiseldrama ums Läbe cho sind. Aber obwohl er am längere Hebel sitzt, hätt er nöd mit ere Recht’fertigung aa’gfange, sondern mit ere Entschuldigung, oder, genau’gnoh: mit dr Bitt um Entschuldigung. – Eigentlich hätti er chöne us dr Position vom Mächtige use sini Aasproch beginne mit dr Uussag: mir händ 750 Geisle chöne lebändig befreie. Statt’desse hätt er aa’g’fange mit em Gedenke an diä Geisle, wo ihres Läbe verlore händ, und hätt sich direkt an däne ihri Angehörige g’richtet. – Gönd mer z‘ruck zur Gschicht im noie Testament. Am Jesus sini Gschicht isch es Gliichnis, en Art Vergliich. Mer chan d Fiinhaite vo dr Gschicht betrachte und di ganz Struktur. Wenn mer di ganz Struktur aa’luägt, dr Uufbau, denn gsehnd mir zwei paralleli Situatione. In dr erste Situation vergit dr Gläubiger am Schuldner, obwohl er uf sim Rächt beharre chönti. Für dr Schuldner, wo um Ent-Schuldig bittet, git’s en Schulde’erlass. Dodrmit isch er kain Schuldner meh, nüme an sini Schulde bunde, sondern frei – en freie Mensch. In dr zweite Situation tritt dr befreiti Mensch sälber als Gläubiger uuf. Und jetzt, wo er sälber dr Gläubiger isch, vergit er sim Schuldner nöd. Statt’desse beharrt er uf sim Rächt. Es git für sin eigene Schuldner kain Schuld’erlass. – An däm Punkt vom Gliichnis chumt di höcheri Gerechtig’keit ins Spil. Dr begnadigti Schuldner, wo sälber kai Gnad aawendet gegenüber sim Schuldner, wird für sini Hart’herzig’keit bestroft. Sini Begnadigung wird wider’ruäfe. Er verlüürt sini Freiheit. Dodrbi wird er nöd öpe ungerecht behandlet, sondern bloss gerecht. Där Mass’stab, won er anderi dermit misst, mit däm Mass’stab wird er halt jetzt sälber g’mässe. – Dr Petrus söll sich bim Zuä’lose mit em frei’g’sprochene Schuldner identifiziere. Wenn mer d Gschicht vom Jesus g’hört, söll mer sich als Begnadigte fühle. Mir händ gemäss Ussag vo dr Gschicht vil en grössere Schulde’erlass überchoo, als mir jemals gegenüber oiserne Gschwüsterti wiiter’gee chönd. Diä Schuld, wo Gott ois erloh hätt, isch grösser als das, wo mir oiserne Mitgläubige und Fründe und Kollege erloh chönd. Es handlet sich um en ewigi Schuld, wo ois erloh worde isch. Wo Jesus sich für ois g’opferet hett, sind mir mit Gott versöhnt worde. Wil Jesus sis Läbe hii’gee hett, isch oiseri Schuld vergeh, mir sind ent-schuldet im Angesicht vo Gott. Was ois öpert anders a’tuät, isch öpis, wo sich uf’s jetztige Läbe be’ziäht. Diä Schuld, wo Jesus gegenüber Gott für ois begliche hett, wiist über ‘s jetztige Läbe us. Am Jesus sis Gliichnis sait, dass mir weniger z vergeh händ, als Gott ois vergit. D Laistig vo Gott, ois z vergeh, isch grösser als diä Leistig, wo mir erbringe münd, zum oiserne Brüedere und Schwöstere im Glaube vergeh. In aim Punkt isch s Glichnis nöd emol speziell radikal: es goht keinesfalls um bedingigs’losi Vergebig. Diä Vergebig in dr Gschicht hett e Bedingig: dr Schuldner wirft sich uf d Chnüü. Er signalisiert, dass er bereut. Er tritt als Bitt’steller uuf. Ich möcht das mit öpis anderem vergliiche. Wo dr Jesus – nöd imene Gliichnis, sondern in sim richtige Läbe – krüziget worde isch, hett er über sini Painiger g’sait: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ – Döt, am Chrüz, hett dr Jesus sine Schuldner bedingigs’los ver’geh. Er hätt nöd druf g’wartet, dass si sich bi ihm für d Hin’richtig entschuldiged. Sondern, ohni Vorussetzig, hett er ihne verziehe. Sovil verlangt Jesus vo ois nöd. Er sälber bittet Gott für diä, wo ihn quält händ, um Vergäbig. Derbi händ diä vo ihm gar kai Vergäbig welle und erwartet. Vo ois sälber verlangt Jesus nur, dass mir däne vergänd, wo ois drum bitted. Im Gliichnis tritt diä Person, wo em Begnadigte öpis schuldet, als Bitt’stellerin uuf. Mer mues also nöd über sich sälber uus’wachse, so wiä dr Jesus, wo stellvertretend für d Übeltäter Gott um Vergäbig bätte hätt. Mir münd lediglich anere Bitt, wo ois gegenüber g’üsseret wird, ent’spreche. Und mir sölled s tuä us Gottes’furcht. Statt „Gottes’furcht“ chan mer vilicht säge „Respekt vor Gott“. Wil Gott üs ewig begnadiget hett, sind mir ihm ewig dankbar. Und mir respektiered sini Gnad, indem mir sälber oiserne Möglichkeite entsprechend gnädig sind. Gnädig gegenüber Lüüt, wo ois öpis schulded und wo s anderst nöd guät mache chönd, als mit dr Bitt um Ent’schuldigung. Das isch d Antwort vom Jesus uf d Frog vom Petrus, wiä oft er sim Bruäder vergeh mues. Dr liiblich Bruäder vom Petrus hätt Andreas g’heisse. Ihm, und au de Brüadere im Glaube söll dr Petrus 7 mal 70 Mol vergeh, also für’s erste emol 490 Mol. Und umgekehrt söll au dr Andreas am Petrus vergeh, für s erste emol 7 x 70 = 490 mol. Möglicherwiis hätt dr Andreas am Petrus sogar vil meh z vergeh gha als umgekehrt, denn vom Petrus sind einigi zwispältigi Charaktereigeschafte in dr Bible verzeichnet: dr Petrus isch aktiv, aber au uufbrausend gsi. Er isch prinzipiätreu, aber au rechthaberisch gsi. Demgegenüber schiint sin liibliche Bruäder Andreas kai heruusragendi, und somit au kei krass negativi Mödeli gha z haa. – Falls di zwai jemals bi dr 490. gege’siitige Vergebigs’situation aa’choo wäred, hätted si sich übrigens s nächst Mol gliich widär sölle ver’geh. Denn Jesus nennt nöd e konkreti Zahl – 490 - , sondern er zeigt es Prinzip: wenn dr Petrus „7“ sait, denn sait er „70 Mol 7“ – also, nöd nur 10x meh, was scho vil wär, sondern 10x meh, multipliziärt mit däm, wo dr Petrus im üsserste Notfall derzuä bereit gsi wär. S Prinzip goht umgfähr eso: mir sind bereit, öpis z gee, öpis Begrenzts, öpis Endlichs; öpis, wo uuf‘hört. Aber d Dimension vo Gott isch d Unendlichkeit, s Unbegrenzte, s Ewige. In diä Dimension nimmt er ois dur Jesus uuf. Und drum sötted mir als Gottgläubige Unendliches, Unbegrenzts, Ewigs wiiter’gee.
AMEN.
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