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2002-11-17, 10:00 Gottesdienst
Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr
Predigt über Verse aus Psalm 50

Pfr. Jean-Marc Monhart

Predigttext
„Was Gott von seinem Volk erwartet“ (Zwischentitel: Gute Nachricht Bibel)

    (1)Ein Lied Asafs.

    Gott, der Herr, der Grosse und Mächtige, spricht;
    sein Ruf schallt über die ganze Erde
    bis hin zu ihren äussersten Enden.

    (2)Auf dem Zion, dem schönsten aller Berge,
    zeigt sich Gott in strahlendem Glanz.

    (3)Unser Gott kommt, er schweigt nicht länger.
    Vor ihm her läuft vernichtendes Feuer,
    um ihn stürmt und wütet das Wetter.

    (4)Himmel und Erde ruft er als Zeugen auf,
    denn er will sein Volk zur Rechenschaft ziehen.

    (5)„Holt mir die Meinen zusammen“, sagt er,
    „sie haben einen Bund mit mir geschlossen
    und sich verpflichtet, mir zu gehorchen;
    mit einem Opfer haben sie den Bund besiegelt.“

    (6)Der Himmel kann es bezeugen:
    Gott hat sein Versprechen gehalten;
    er ist im Recht,
    wenn er nun Rechenschaft von ihnen fordert.
     

    (7)„Höre, mein Volk, jetzt rede ich!
    Israel, ich klage dich an,
    ich selbst, dein Gott.

    (8)Du bringst mir viele Opfergaben dar,
    daran habe ich gar nichts auszusetzen.
    Brandopfer bringst du mir zu jeder Zeit;

    (9)aber ich nehme deine Opfer nicht an -
    ich brauche ihn nicht, den Stier aus deinem Stall,
    auch nicht den Bock aus meinem Pferch!

    (10)Alle Tiere des Waldes gehören mir,
    das Grosswild auf den Bergen ist mein Eigentum.

    (11)Auch die Vögel dort gehören mir
    und alle kleinen Tiere auf freiem Feld.

    (12)Selbst wenn ich Hunger hätte,
    würde ich von dir nichts fordern;
    denn mir gehört die ganze Erde,
    und alles, was darauf lebt.

    (13)Meinst du wirklich, dass ich Rindfleisch esse
    oder Blut von Böcken trinke?

    (14)Nicht Nahrung, sondern Dank erwarte ich von dir:
    Löse deine Versprechen ein,
    die du mir in Bedrängnis gegeben hast,
    mir, dem Höchsten, deinem Gott!

    (15)Bist du in Not, so rufe mich um Hilfe!
    Ich werde dir helfen, und du wirst mich preisen!“
     

    (22)„Ihr alle, die ihr mich vergessen habt,
    hört, was ich sage, nehmt es zu Herzen!
    Sonst schlage ich zu, und es gibt keine Rettung.

    (23)DANK ist die Opfergabe, mit der man mich ehrt;
    und wer mir gehorcht, der erfährt meine Hilfe.“

 

Liäbi Gmaind,

Gott chan so sii, wiä mir s erwarted, und Gott chan anderst sii, als mir s erwarted.
Im Psalm 50 isch Gott zerst so, wiä s ämel di maiste Lüüt damals vo ihm erwartet händ. Uf Stei’reliefs, wo mer usem Sand und us Ruine buddlet hett, sind Darstellige vo Gott us biblischer Ziit bekannt. Es sind nöd Darstellige, wo israelitischi Künstler vo Gott g’macht händ, sondern Relief, wo Künstler vo umliegende Völker vo ihrne Götter g’meisslet händ.

Uf däne Bilder gseht mer, was im Psalm 50 mit Wort beschribe isch: Gott fahrt vom Himmel obenabe zu üüs, Blitz und Füür sind sini Beglaiter. Wobii für di damalige Mensche „Blitz“ und „Füür“ Gottheite gsi sind – kain Promi ohni Bodyguards, und kai grossi Gottheit ohni beglaitendi chlineri Gottheite.

Wenn Gott vom Himmel fahrt, und das bildlich dargstellt wird, denn fahrt er imene Thronwage, wo vomene Rossgespann zoge wird. Us hütiger Sicht wirkt das altertümlich. En ewige Gott, wo sich vo Rösser über dr Himmel züche loh mues, das Bild chummt üs e chli ver’altet vor.
Dass es in de 10 Gebot heisst: Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen, isch ursprünglich es Verbot vo Götze, also vo Statue zum vor ne uf der Bode falle und si aa’bäte.
Im übertraite Sinn, symbolisch, hett „du sollst dir von Gott kein Bildnis machen“ dr Vorteil, dass es Bild denn nöd ver’altet. Hüt isch s Bild vo Gott ufeme Thronwage eso übere, dass mer s bereits wieder bruuche chan, wil kain Mensch meh glaubt, dass es wörtlich g’maint isch.

 

Liäbi Gmaind,

zerst, in sinere Aakunft im erste Teil vom Psalm 50, oder au in Schilderige us alttestamentliche Prophete’büecher und em Aafang vom Markusevangelium, tritt Gott uf e bekannti Art in Erschiinig.

Das isch hüt au möglich, dass vo Gott uf e bekannti Art d Red isch: nur gseht das hüt anders uus. Di hüfigsti Form, wiä ich Lüüt im Gspröch über Gott rede ghöre oder in Interviews vo Lüüt läse, isch di „höcher Macht“.

Es git denn so Zitat wiä „Ich glaub an e höcheri Macht“, oder: „Ich glaub, dass es doh no so öpis git“. Di unverzichtbare Zuetate vo däm „Öpis“ sind Undefinierbarkeit und Unfassbarkeit. So wiä Gott in alte, biblische Ziite vo Blitz und Füür umgee gsi isch, so isch Gott hüt vo Undefinierbarkeit und vo Näbel umgee. Mer schüücht sich, öpis Genauers über ihn z säge.
Wi bi Blitz und Donner, de göttliche Beglaiter bi de altorientalische Völker, händ au Näbel und Undefinierbarkeit als göttlichi Beglaiter durch’uus ihri Gründ.

Weltlichi Herrscher sind mächtig gsi. Im Fall si nöd mächtig gsi sind, sind si bald nüme Herrscher gsi, wil sust en mächtigere Herrscher als sii si ab’glöst hett.
Vor däm Hintergrund isch es es Zaiche vo gsundem Mensche’verstand und emene gwüsse Respekt, dass mer denn schluss’folgeret: falls en irdische Herrscher mächtig sii mues, denn wird dr himmlischi Herrscher doch erst rächt mächtig sii, und denn mues mer das au gseh.
En irdische Herrscher hett sini Leibwächter, und dr himmlischi Herrscher hett zum Bispil bi de alte Grieche, won er Zeus heisst, Blitz, wo n er dermit um sich schleudere chan. Das isch nöd nur doof. Wenn di Gläubige em Zeus zue’billigt, dass er mit Blitz um sich werfe chan, denn isch das au es Zeiche vo Respekt ihm gegenüber.

Hüt mached mir Blitz, wenn Rockinterprete oder Popgruppe is Hallestadion chömed, zum es Konzert geh. Dass es do Liächtblitz git und Windeffekt mit zerzauste Hoor, isch religionsgschichtlich gseh e Gott-Imitation. Diä Szene, dass s Göttliche im Sturmgebrause zu üüs chummt, wird vo de Popstars zelebriert. Und tatsächlich benämed sich jo vili Konzertbsuecher im Publikum wiä Gläubigi, wenn ihri Idol in d Stadt chömed. „Idol“ heisst wörtlich übersetzt „Götzebild“.

Wenn mer sich vo Gott hütt hüüfig s Bild macht, er seig „öpis höchers“, wo mer nüt genauers drüber weis, oder „e höcheri Macht“, wo mer sust nöd genauer definiere chan, denn het au das mit gsundem Mensche’verstand und mit Respekt z tue. Nur dass sich gsunde Mensche’verstand und Respekt hüt anderst üssered, als das drei Jahrtuusig früener dr Fall gsi isch. –

Hüt händ mir d Erfahrig ver’innerlicht, dass sich s Wüsse radikal veränderet. Au d Technik veränderet sich, nöd nur vo Generation zu Generation, sondern innerhalb vo wenige Johr veränderet sich d Technik, wo üs umgit und wo mir dermit läbed.

En Gott, wiä mir „Gott“ definiered, müssti gege’teilig sii: nöd in drei Johr ver’altet, nöd total veränderet in chürzester Ziit, sondern überziitlich, ziitlos – ewig. Wenn mer Gott als so öpis betrachtet, wo ebe nöd so isch wiä oises veränderliche Läbe, denn wird er immer nebulöser. Alles, nöd nur Technik, sondern au d Lebens’umständ, d Gsellschaft, d Politik, d Wirtschaft – alles, was mir gsehnd, änderet sich. Also dänkt mer, wenn mer sich Gott zu genau vorstellt, denn müssti mer vo däne Vorstellige in villicht drei Johr au wieder Abschied neh. –

So gseh isch es es Zeiche vo gsundem Mensche’verstand, wenn mer sich hüetet, Gott zu genau z definiere. Und mer chan s au als Zeiche vo Respekt düüte, wenn mir Gott nöd quasi vorschriibed, wiä er z sii hätt. Wenn mir das Gott überlönd, wiän er isch, denn respektiered mir dodrmit zumindest en Teil vo sinere göttliche Freiheit.

In sinere göttliche Freiheit hett sich Gott allerdings au entschide, sich ois z offe’bare. Er teilt sich ois mit, im noie Testament durch Jesus. Oise Predigttext stoht im alte Testament, und döt teil sich Gott mit dur Liäder wiä im Gsangbuech vo de Psalme, oder dur d Offebarige vo de Prophete.

 

Liäbi Gmaind, 

dr zweiti Teil vom Predigttext enthaltet es Gottesbild, wo für di damalige Gläubige unerwartet gsi isch. Gott sait zu sim Volk: „Du bringst mir viele Opfergaben dar, daran habe ich gar nichts auszusetzen. Brandopfer bringst du mir zu jeder Zeit; aber ich nehme dein Opfer nicht an – ich brauche ihn nicht, den Stier aus deinem Stall, auch nicht den Bock aus deinem Pferch. ALLE Tiere des Waldes gehören mir, das Grosswild auf den Bergen ist mein Eigentum. Auch die Vögel dort gehören mir und alle kleinen Tiere auf freiem Feld.
Selbst wenn ich Hunger hätte, würde ich nichts von dir fordern; denn mir gehört DIE GANZE ERDE, und alles, was darauf lebt.
Meinst du wirklich, dass ich Rindfleisch esse oder Blut von Böcken trinke?
Nicht Nahrung, sondern Dank erwarte ich von dir: Löse deine Versprechen ein, die du mir in Bedrängnis gebeben hast, mir, dem Höchsten, deinem Gott!
Bist du in Not, rufe mich um Hilfe! Ich werde dir helfen, und du wirst mich preisen! ... DANK ist die Opfergabe, mit der man mich ehrt; ...“

 

Liebi Gmaind,

gsunde Mensche’verstand in Ehre, mängisch bruucht s e Stimm, wo aim fröget: „Meinst du wirklich?“ – Im alte Testament hett d Stimm g’fröget: „Meinst du wirklich, dass ich Rindfleisch esse“, und dodrmit es verbreitets Bild zur Diskussion gstellt. Gott isch nöd dermit z’fride, dass mer ihm Opfer erbringt, er will au no, dass diä Opfer mit Dankbarkeit erbrocht werded. Und nöd nur Dank will er, sondern au Bitt: wenn mer öpis bruucht, söll mer ihn bitte. Das isch nöd e Dienstleistig vo Gott an ois, sondern e Uuf’forderig: er forderet ois uuf, dass mir ihn bittet. Und im Fall dass mir s Erbätene über’choo hend, denn sölled mir nöd uus’schlüüslich dankbar sii, sondern ihn zue’sätzlich au no priise. Mir sölled Gott lobe und rüehme.

Der Gott, wo ois im Psalm vo Asaf entgege’tritt, der isch en fordernde Gott. Und er isch au kommunikativ.
Di altorientalische Herrscher sind au fordernd gsi. Si händ Tribut verlängt. Wenn si chliini Gängster gsi wäred, hätti mer gsait: si händ Schutzgeld erpresst. Aber wil si grossi Gängster gsi sind, stoht hüt in de Gschichts’buecher: di altorientalische Herrscher händ Tribut’zahlige vo de unterworfene Völker verlangt.
Wenn mer Gott mit eme Herrscher vergliicht, denn isch es klar, dass Gott au Tribut will. Mer mues ihm denn Opfer erbringe, Tuube und Rinder schlachte, was amene Geldwert entspricht. Es chostet öpis, mer zahlt’s ihm, und denn hett mer bis zum nächste g’schuldete Opfer Rueh.
Aber dr Gott vo dr Bible entspricht ebe grad nöd em Bild vomene orientalische Gwalt’herrscher, au wenn sich das damals vili eso vor’gstellt hend.
Gott will nöd s Gäld, sondern d Liäbi. Er will mit em Opfer nöd ab’gspise werde, sondern beschenkt. Was mir üs derbi dänked, isch entscheidend. Was mir derbi für Gfühl hend, uf das chummts aa. Oisi Iistellig interessiert ihn. Und bi däre Iistellig isch es fast bedütigslos, ob mir ihm jetzt grad danked oder ihn jetzt grad bitted oder ihn jetzt grad lobed – dass mir zu ihm in Bezüchig treted, dass mir vor ihn treted, das isch s Entscheidende. Dass mir ihm öpis gänd vo ois sälber, dass mir ois uf ihn iilönd, uf das chummt’s aa.

Diä Botschaft isch au en Kritik’punkt am Bild, wo sich dr hütigi gsundi Mensch’verstand vo Gott macht. Statt: „Meinst du wirklich, dass ich Rindfleisch esse...“ chönti en moderne Psalmschriiber Asaf hüt dichte: „Meinst du wirklich, dass ich ein undefinierbares Etwas bin? Meinst du wirklich, dass ich eine Nebelwolke weit weg von dir bin?“

D Antwort vom Asaf uf diä Froge chönnti mer sinngemäss bi’bhalte: Gott will, dass mir zu ihm in Bezüchig treted. Er will, dass mir zu ihm spreched. Mir sölled oisi Aaligge vor ihn bringe. Mir sölled bätte. Das, was ois bewegt, sölled mir ihm aa’vertraue.
Wenn mir das mached, wird Gott automatisch weniger näbulös. En Gott, wo mer zuä nem choo chan und wo mer uf ihn vertraut, isch immer no en freie Gott. Mir nämed ihm sini Unabhänigkeit nöd, wenn mir mit ihm kommuniziered. Es isch vilicht nüme so vil gsunde Mensche’verstand derbi, an en Gott z glaube, wo ois erlöst und wo ois gärn hett. Aber dr gsund Mensche’verstand änderet sich. Früener en orientalische Gwaltherrscher im Himmel, hüt es undefinierbars höchers Öpis, und was morn?
Sich uf dr Gott vo dr Bible ii’z’loh, enthaltet nöd nur Verstandes-Element. Es enthaltet au Gfühl und Stimmige und es emotionals Engagement.

Dr biblisch Gott forderet öpis. Kais Rindfleisch. Nöd, dass mir ihn mit Näbel umgänd. Sondern oisi Liäbi.

AMEN.