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2002-03-17, 10.00, Gottesdienst

Pfr. Jean-Marc Monhart

JUDICA – Gott, schaffe mir Recht! (Psalm 43,1)

Schriftlesung: Markus 10,35-45

Predigttext: Hebräer 5,7-9

    (7)Während seines Lebens auf der Erde betete und flehte Jesus mit lautem Schreien und unter Tränen zu dem, der ihn vom Tod retten konnte, und er bekam Antwort, weil er Gott ehrte.

    (8)Obwohl er Gottes Sohn war, hat er durch seine Qualen gelernt, was Gehorsam heisst.

    (9)Nachdem er ans Ziel gekommen ist, kann er nun alle, die ihm gehorchen, für immer retten.

 

Liebi Gmaind!

Dr hütigi Predigttext goht druf ii, dass Jesus en richtige Mensch gsi isch. Es heisst do vo ihm, dass er im Gebet Gott aa’gfleht hett, dass er bim Bäte luut gschreit heigi, und dass er Quale heigi müsse dure’mache.

Für ois isch das verhältismässig normal, was mir do vo Jesus ghöred. Dass en Mensch gfühlsmässig stark us sich use goht, chönd mir üs guet vorstelle. Bimene Mensch.

Dr Hebräerbrief, wo mir hüt es paar Vers dervo aa’lueged, stammt us enere andere Ziit. Das an und für sich isch nöd bedütsam. Es git jo au Sache, wo us ere andere Ziit stammed, wo aber moderni Idee wieder’spiägled.

Ich möcht das anhand vomene Bispil erlüütere. Im spöte Mittelalter hetts d Minnesänger gee. Dr Minne’sang hett sich an adligi Dame g’richtet. Dodrbi hetts gwüssi Spilregle gee, wo sich d Minne’sänger hend müse dra halte. Ai settigi Regle isch gsi, dass der Minnesänger sini verehrti Dame als e unverwechselbari Person dargstellt hett. Er hett müse singe, dass er genau sii, sini aktuelli Zuehörerin, verehrt, und suscht kaini. “Only you”, uf englisch. En Minnesänger hett müse singe, dass er total unglücklich wird, wenn er sini ainti, spezielli Zuehörerin nöd erreicht. Wil er nämlich genau diä ainti, spezielli Zuehörerin brucht. Und liebt. Und gärn hett.

In Wirklichkeit isch doh vil Show derbii gsi. Denn der Minnesänger hett mit sim Gsang sin Läbens’unterhalt bestritte. Wenn er sis Liäd “Nur du, nur du, und suscht kaini” – wenn er sis “Only you” fertig gsunge gha hett, isch er zum nächste Schloss g’wanderet. Und hett döt di nächst adelig Dame aa’gsunge. Und was hett er der nächste adelige Dame vorgsunge? – Natürlich s Gliiche wiä im Schloss vorher: “Du bisch di Ainzig für mich. Du bisch ganz e spezielli Frau. E so aini wi dich gits kais zwaits Mol.”

 

Liebi Gmaind!

Was d Minne’sänger g’macht hend, isch zwar scho lang her, aber es isch modern, was d Iistellig betrifft. Dass mer werbe mues, zum öpert überzüüge; dass mer schmeichlet, zum es Herz breche; dass mer öpertem dr Hof macht – das isch öpis, wo hüt für ali Lüüt gilt.

Bi de Minne’sänger hetts nur für di adlige Dame ‚gulte, dass mer ihne der Hof gmacht hett, dass mer ihne gschmeichlet hett, dass mer um si g’worbe hett. Aber das mues üs hüt nöd bekümmere. Uf s Prinzip chummt s aa. Das isch damals wiä hüt s Gliiche.

Zrugg zum Abschnitt us em Hebräerbrief.

Es git Sache, wo alt sind, und wo s hüt kai unmittelbari Entsprechig derzuä git. Es git Sache, wo in früenere Ziite emol es Problem gsi sind. In der hütige Ziit sind si aber kais echts Problem meh für ois.

Im Hebräerbrief goht s drum, Jesus menschlich z mache, ohni ihm d Göttlichkeit ab’z’spreche.

Dass e Gottheit göttlich isch, das isch damals für di maiste Lüüt normal gsi. Solang also der Verfasser vom Hebräerbrief gschribe hett, was für en Held und was für en unbesiegbare Typ Jesus gsi seig, händ sini Läser das akzeptiert. Von ere Gottheit hend di fromme Lüüt gar nüt anders erwartet als dass si ebe unbesiegbar und heldehaft und knallhert sigi.

In oiserne paar Vers jedoch wird Jesus g’schilderet als ein, wo vo sine Gfühl völlig ergriffe isch.

Mir stönd in der Passionsziit.

Am nächste Sunntig isch Palmsunntig. Denn fiired mir dr Iizug vo Jesus in Jerusalem. Und bereits am übernächste Friitig, am Karfriitig, gedenked mir denn dr Chrüzigung uf em Galgebuck vo Jerusalem, em Berg Golgotha.

Dr Iizug in Jerusalem, mit jubelnde Zue’schauer, wo dr Jesus willkomme heissed, der passt ins heldehafte Bild vomene Gott. En Gott, wo alli toll finded; e Gottheit wo alli bejubled – das isch uf der Liniä vo de biblische Ziite.

Kai Wuche spöter folgt denn s grosse Ergernis. Der Gott wird verhaftet. Er liidet schwär. Er mues sterbe.

Und mir wüssed jo jetzt, dass nochher Ostere chummt. Im Moment vom Tod vo Jesus hetts aber no kais Ostere gee. Im Moment vom Tod vo Jesus hetts dr Tod gee und nur dr Tod.

Kais Wunder, hend sich im frühe Christetum Bewegige ‚bildet, wo probiert hend, mit em Ärgernis vo dr Chrüzigung kreativ umzgoh.

Es git doch där Spruch: “Es kann nicht sein, was nicht sein darf.” – “Es kann nicht sein, was nicht sein darf.” – En Gott stirbt nöd, hend einigi frühi Christe gsait. “En Gott, wo stirbt, isch kain richtige Gott, und oise Gott isch doch en richtige Gott”, hend ainigi frühi Christe gsait. Und si hend e Konsequenz druus zoge. Si hend gsait: “Wenn Jesus göttlich isch, denn isch er ebe am Chrüz nöd gstorbe. Nöd richtig gstorbe. Er isch vilicht ohnmächtig gsi. Er isch vilicht schiin’tod gsi. Aber er hett gläbt. Und isch nöd gwaltsam um s Läbe choo.”

Es sind di sogenannte Doketiste gsi (Doketisten), wo eso dänkt hend. Si sind am königliche Missverständnis erläge: nämlich am Missverständnis, dass Jesus nur en König seigi; dass mer Jesus nur in königliche Dimensione beschribe dörfi.

Wenn mer das macht, denn beschribt mer Jesus als Herrscher, als Machthaber uf em Thron, als Gestalt mit viel Prestige, mit vil Ansehen.

Dodrzue passt denn en machtlose, gschundene Maa am Chrüz schlächt. Dr Krüzigti isch s Gegeteil vomene glorriche König: er hett e Dornechrone und trait Spure vo dr Folterig.

Wil “nicht sein kann, was nicht sein darf”, hend di sogenannte Doketiste gseit: Jesus isch so göttlich, dass er gar nöd richtig glitte hett. Es hett nur so usgseh, wiä wenn er würdi liide. Oder: Jesus isch so göttlich, dass er gar nöd richtig gstorbe isch. Es hett nur so usgseh, wiä wenn er sterbe würdi. “So uusgseh wiä” bedütet uf latinisch “docere”, dodrvo chummt s Wort “Doketist”.

Au hüt no gits gelegentlich Büecher, wo in dr doketistische Tradition stönd. Das sind diä Büecher, wo drin behauptet wird, Jesus seigi lebändig vom Chrüz wider obenabe choo. Er seigi denn nach Indien oder suscht eswo hii, heigi ghürotet und no vili Chind überchoo.

Das wirkt uf mich e chli eso, wiä wenn Hollywood es europäisches Kinodrama neu verfilmt: Aafangs- und Mittelteil bliibed gliich – aifach mit amerikanische Darsteller - , aber im Schlussteil gits en Änderig: statt eme tragische Schluss münd d Drehbuechautore en glückliche Uusgang ane’zaubere. Es dörf aifach nöd schlimm ände, susch isch es nüme larger than life.

Ich findäs beiirdruckend, dass bis in d Gegewart dr Tod vo Jesus als eso ärgerlich empfunde wird, dass Lüüt dänked: mer münd diä Szene umschribe. Dr grausam Tod vomene Unschuldige, das goht doch nöd eso. Wenn mer d Chrüzigung scho nöd un’gscheh mache chönd, denn schribed mir em Jesus wenigstens es glücklichs Familie’läbe ins Drehbuech – so quasi en Epilog mit Frau und Chind.


Liebi Gmaind

s doketistische Gedanke’guet isch bis hüt nöd verschwunde. Es taucht immer wider am aine oder andere Ort uuf. Als kirchlichi Masse’bewegig, wiä im frühe Christetum, existiert dr Doketismus hingege nüme.

Dass dr Doketismus als innerchristlichi Strömig sozusäge versandet isch, hett mindestens zwei Gründ, wo mitenand verbunde sind. Ich wott di beide mitenand verhänkte Gründ churz erlüütere: dr politischi Grund und dr psychologisch Grund.

Dr politisch Grund isch d Emanzipation vom weströmische Riich. Dr westlich Teil vom grosse römische Riich, also Europa und di früeneri römischi Hauptstadt Rom, hett sich im Mittelalter als aigeständigi Grössi entwicklet. Es hett sich eso emanzipiert vom oströmische Riich, wo Konstantinopel zum Mittelpunkt gha hett. S oströmische Riich – nach de hütige Begriff dr Balkan, d Türkei und Aegypte – s oströmische Riich hett en extreme Kaiserkult betribe. Dr Kaiser isch zu Läbziite als Gott behandlet worde, mer hett ihm müse huldige als absolute Herrscher über Läbe und Tod und über di ganzi Wält.

S frühe Christetum hett diä Verehrig, wo dr Kaiser für sich in Aaspruch gnoh hett, ganz aifach uf Jesus umgmünzt. Nach em Motto: es isch scho rächt, dass mer em Herrscher über Läbe und Tod und über di ganzi Wält d Ehr git. Nur isch ebe dä absoluti Ober-Boss nöd dr Kaiser vom römische Riich, sondern dr Jesus Christus usem noie Testament.

In de erste Johrhundert nach Christus hett s Kaisertum im oströmische Riich floriert, also hend au d Christe wacker Jesus als wahre, echte Kaiser verehrt.

S weströmische Riich isch zur gliiche Ziit – also in der erste Johrhundert nach Christus – total versackt. Es hett zwar lang no Kaiser gee, aber diä hend zum Tail nur no über Italie, Sloweniä und d Cote d Azur bis Nizza g’herrscht. Usserdäm sind diä Regionalkaiser zum Tail ganz wüesti Gselle gsi, wo sich au mit vil Beschönige schlecht als Vorbild g’aignet hend. Di spöte weströmische Kaiser sind im Regelfall Soldatekaiser gsi, also dur Staats’streich und Bürger’chrieg an d Macht choo, und dank bluetiger Unterdrückig an der Macht blibe, bis si denn vergiftet oder ermordet oder vertribe worde sind.

Settigi zwielichtigi Type als irdisches Abbild vom göttliche Heiland z betrachte, das isch de Christe in Westeuropa je länger je schwerer gfalle. Jesus als ewige Kaiser z stilisiere, während di irdische Kaiser Halunke sind, isch für vili Gläubigi kai gueti Idee gsi.

Ehnder hett mer Jesus als Heiland verehrt, als Retter, statt ihn verbal uf ai Ebeni z stelle mit de Bluetsuuger uf em weströmische Kaiserthron.

Je weniger mer dr Jesus als absolute Machthaber dargstellt hett, desto weniger isch sin machtlose Tod am Chrüz als Ärgernis empfunde worde. So hett dr Doketismus in Westeuropa an Bode verlore. Wil s im öffentliche Läbe kai Glanz und Gloria – Herrscher geh hett, isch es au nöd nötig gsi, in dr christliche Religion en Glanz und Gloria – Herrscher aazbäte. Mer hett sich vermehrt em religiöse Inhalt vom Christetum chöne zuäwende, anstatt em spötrömische Ziitgaist z verfalle.

Dodrmit chum ich zum zwaite Grund, wiso di aisiitigi Vergöttlichung vo Jesus hüt nüme so bekannt isch, und das isch dr psychologisch Grund. Er hängt mit em politische Grund zsäme: uf ain Nenner brocht luutet er “Identifikationsfigur statt Idol”. Je weniger dr Jesus als unerreichbare, entrückte Kaiser dargstellt worde isch, desto mehr hett mer ihn als “Mensch wie du und ich” betrachtet. Mer hett bim Ghöre vo dr Chrüzigungs‘gschicht es Einzelwese entdeckt – es Individuum - , wo sich in ere schwere, leidvolle Situation befindet. Christinne und Christe, wo sich sälber in schwere, leidvolle Situatione befunde händ, hett di persönlich Betrachtigswiis e Identifikation mit Jesus ermöglichet. Nach em Grundsatz, dass en Jubelnde sich in anderi Jubelndi inne versetze chan, hend sich leidendi Christe in dr Leidendi Jesus inne versetzt.

Dr Unterschied zwüschet Idol und Identifikationsfigur isch enorm: s Idol himmlet mer aa, mer hebt s Idol in Himmel uä; so wiit uä, dass mer s nüme erreiche chan. D Identifikationsfigur isch im Gegesatz dodrzue ganz nöch. Si isch nöd wiit obe, sondern bi mir – uf em gliche Bode vo de Realitäte wiän ich. Während s Idol öpis Unwirklichs an sich hätt, isch d Identifikationsfigur real. Si isch wirklich. Eso wirklich wiä dr Durst, wo der Jesus am Chrüz gha hett. Eso wirklich wiä sini verzwiilfete Moment vo dr Verlasse’heit. Es isch nöd z’letzt diä Kombination vo körperliche und seelische Extremzuäständ – Durst körperlich und Verlasse’heit seelisch - ; es isch nöd z’letzt diä Kombination vo Extrem’zuä’ständ, wo dr Jesus für di europäische mittelalterliche Christe zur Identifikationsfigur macht: mer findet im Extreme d Zueversicht, nöd elai z sii.

Und wenn s mir no so schlecht goht: Gott isch es au eso schlecht gange. Gott isch quasi uf mini Gfühl g’eicht. In der Person vo Jesus isch er scho döt gsi, wo ich maximal – im schlimmste Fall – hii choo chan.

Nördlich vo de Alpe hett sich s Christetum uus’breitet dur wanderndi Mönch, und diä händ uf ihrer Wanderschaft es entbehrigs’riichs Läbe gha. Mittel- und Nordeuropa isch en Urwald gsi, mit wilde Tiär, ruuche Iiwohner, chrank’machende Sümpf und riissende Flüss.

Wer sich in däm Umfeld uf d Wanderschaft begeh hett, zum s Evangelium verkünde, so wi di wandernde Mönch das gmacht hend, der hett e persönlichi Motivation bruucht. D Frömmigkeit im Sinn vo öpis, wo sich d Seel dra hebe chan, isch für d Verkündiger vom Evangelium zentral gsi.

Wenn si oiserne Ahne ds Evangelium verkündet hend, denn hett si dodrbi nöd e weltfremdi, unnahbari Strahlefigur chöne inspiriäre. Diä Lüüt, wo üüs s Christetum brocht hend, sind uf en Begleiter aagwise gsi, en Tröster, en verständnisvolle Zuehörer.

En Megakönig, en Kaiser, begleitet aim aber nöd im Urwald. En Kaiser tröstet aim nöd, und en Kaiser lost au nöd emene aifache Untertan geduldig zue. Er gewährt höchstens emol en Audienz, wo mer in gewählte Wort churz öpis sait, bevor d Ziit um isch und ain d Lakaie denn zum Palast use’rüered.

 

Liebi Gmaind

Es isch es alts Problem vo früener, Jesus zu göttlich z dänke. Oises hütige Problem isch es ehnder, Jesus überhaupt göttlich z dänke.

Ihn menschlich z dänke, isch dergege hützutags ehnder kais Problem.

Dr Hebräerbrief hett zwar nöd di gliiche Sorge wiä mir im hütige Christe’tum. Er chan üs aber zum Aalass diäne, oises Dänke unter d Lupe z neh.

Wiä halted mir s mit der Göttlichkeit vo Jesus?

Und wiä haltet mir s mit sinere Menschlichkeit?

Im Verlauf vo dr europäische Geistes’gschicht isch Jesus uf dr Skala vo “ganz Gott” immer mehr zu “ganz Mensch” übere gruckt worde. Hüt sind mir am ainte End vo dr Skala gsi. In dr Osterpredigt möcht ich Ihne über s andere End vo dr Skala brichte.

Dr Hebräerbrief forderet üs uf, oisi Gedanke zu Jesus z überprüefe. Wer isch das, wo mir an ihn glaubed?

Usezfinde, wer Jesus isch – wer Jesus für mich isch – , das isch gar nöd eso aifach. Wil s jedoch letztlich e Frog isch, wo jede Mensch persönlich für sich beantworte mues, chumt s Thema an kais End.

Solang s Evangelium über Jesus verkündet wird, solang stellt sich d Frog, was es bedütet.
 

AMEN.