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2002-06-30, 10:00 Gottesdienst mit Taufe
5. Sonntag nach Trinitatis

Pfr. Jean-Marc Monhart

 

Predigttext

Psalm 73 [Die Gute Nachricht: „Gott, ich komme von dir nicht los!“]

    (01)Ein Lied Asafs.

    Ich weiss es: Gott ist gut zu Israel,

    zu allen, die ihm mit ganzem Herzen gehorchen.

    (02)Doch beinahe wäre ich irre geworden,

    ich wäre um ein Haar zu Fall gekommen:

    (03)Ich war eifersüchtig auf die Menschen,

    die nicht nach dem Willen Gottes fragen;

    denn ich sah, wie gut es ihnen geht.

    (04)Sie kennen keine Krankheit bis zu ihrem Tod,

    gesund sind sie und wohlgenährt.

    (05)Sie führen ein sorgenfreies Leben

    und müssen sich nicht quälen wie andere Leute.

    (06)Ihren Hochmut tragen sie zur Schau wie einen Schmuck,

    ihre Gewalttätigkeit wie ein kostbares Kleid.

    (07)Ihr Luxusleben verführt sie zur Sünde,

    ihr Herz quillt über von bösen Plänen.

    (08)Ihre Reden sind voll von Spott und Verleumdung,

    mit grossen Worten schüchtern sie die Leute ein.

    (09)Sie reissen das Maul auf und lästern den Himmel,

    ihre böse Zunge verschont nichts auf der Erde.

    (10)Darum läuft sogar das Volk Gottes ihnen nach

    und lauscht begierig auf ihr Geschwätz.

    (11)„Gott merkt ja doch nichts!“ sagen sie.

    „Was weiss der da oben von dem, was hier vorgeht?“

    (12)So sind alle, die Gott verachten;

    sie häufen Macht und Reichtum und haben immer Glück.

    (Ende 1. Teil)

    (13)Es war ganz umsonst, Herr,

    dass ich mir ein reines Gewissen bewahrte und wieder und wieder meine Unschuld bewies.

    (14)Ich werde ja trotzdem täglich gepeinigt,

    ständig bin ich vom Unglück verfolgt.

    (15)Aber wenn ich so reden wollte wie sie,

    würde ich alle verraten, die zu dir gehören.

    (16)Ich mühte mich ab, das alles zu verstehen,

    aber es schien mir ganz unmöglich.

    (17)Doch dann kam ich in dein Heiligtum.

    Da erkannte ich, wie es mit ihnen ausgeht:

    (18)Du stellst sie auf schlüpfrigen Boden;

    du verblendest sie, damit sie stürzen.

    (19)Ganz plötzlich ist es aus mit ihnen,

    sie alle nehmen ein Ende mit Schrecken.

    (20)Herr, wenn du aufstehst, verschwinden sie

    wie die Bilder eines Traumes beim Erwachen.

    (21)Als ich verbittert war und innerlich zerrissen,

    (22)da hatte ich den Verstand verloren,

    wie ein Stück Vieh stand ich vor dir.

    (23)Und doch, Gott, ich komme von dir nicht los!

    Du hast meine Hand ergriffen und hältst mich;

    (24)Du leitest mich nach deinem Plan

    und holst mich am Ende in deine Herrlichkeit.

    (25)Wer im Himmel könnte mir helfen, wenn nicht du?

    Was soll ich mir noch wünschen auf der Erde?

    Ich habe doch dich!

    (26)Auch wenn ich Leib und Leben verliere,

    du, Gott, hältst mich;

    du bleibst mir für immer!

    (27)Wer sich von dir entfernt, geht zugrunde;

    wer dir untreu wird, den vernichtest du.

    (28)Ich aber setze mein Vertrauen auf dich, meinen Herrn;

    dir nahe zu sein, ist mein ganzes Glück.

    Ich will weitersagen, was du getan hast.

    (Ende 2. Teil)

 

Predigt

 

Liebi Gmaind!

Lohnt sich s für mich, dass ich fromm bin?

Bringt s mir öpis, dass ich probiäre, so z läbe wiä Gott das vo mir will?

Oder goht s nöd däne Lüüt vil besser, wo sich überhaupt nöd für Gott interessiäred?

Settigi Froge beschäftiged dr Dichter vom Psalm 73. Er isch vo starke Gefühl erfasst worde. Zwiifel triibt ihn um. S Gfühl, dass Gott ihn ungerecht behandlet, plogt ihn. Dr Dichter ver’rotet im Psalm, dass er ziitwiis dr Verstand verlore hett und vor luuter Grüble aifach kain klare Gedanke meh hett chöne fasse. In sine dichterische Wort haisst das eso:

„Als ich verbittert war und innerlich zerrissen,

da hatte ich den Verstand verloren,

wie ein Stück Vieh stand ich vor dir.“

Wenn mer zerst wenig denkt und denn vil, denn isch s vil dänke en Fortschritt gegenüber em wenig dänke.

Aber irgendwenn chummt en Bereich, wo no meh dänke nüt meh zuesätzlichs bringt.

In dem Zuästand, wo mer ganz vilem nach’studiärt und d Gedanke sich immer schneller im Kreis dre’ied – in dem Zuästand isch es en Rückschritt gegenüber em vil dänke, wenn mer no meh dänkt.

S Resultat isch nöd es höchers Mass an Gschidheit, sondern d Selbsterkenntnis im Gebät gegenüber Gott: „... wie ein Stück Vieh stand ich vor dir.“

Vom ganz vil dänke zum nüt meh dänke und aifach nur no dumpf und brüetend wieder’z’käue isch es en winzige Schritt.

 

Liebi Gmaind!

Wenn s Vieh wiä Vieh vor Gott stoht, isch das nöd schlimm, im Gegetail: wenn s Vieh wiä Vieh vor Gott stoht, isch das guät, denn s Vieh isch jo Vieh.

Bi ois isch es öpis anders, wil mir sind jo kais Vieh. Wiä sölled denn mir vor Gott stoh?

Es git uf däre Wält unterschiedlichi Konzept drüber, was mir mit sine Gedanke aafange söll. Eis Konzept isch das vom Zen-Buddhismus.

Im Zen-Buddhismus isch es s Ziel, sin Gedanke’fluss eso z sabotiere, dass er komplett lahm’g’leit wird. In dem mer vorsätzlich unmöglichi Sache dänkt, söll s zunere intellektuelle Überlastig cho, mit em Resultat, dass es aim irgendwenn d Sicherige use’jagt.

Und denn dänkt mer nüt meh, viellicht nur für en Moment. –

Falls mer sich bim Meditiere nöd vollends in Wahnsinn triibe loh hett, denn fangt s Dänke nach eme Moment vo dr ersehnte Gedanke’losig’keit wieder aa.

So wiä s Liächt, wo immene Gwitter nach eme churze Stromunterbruch wieder aagoht.

Und nocher denkt mer wieder wiiter. Unter Umstände dänkt mer genau dr gliich Unsinn wiiter, wo aim vorher di ganz Ziit beschäftiget hett. Immerhin, di meiste Lüüt fühled sich nach ere Zen-Meditation zwar nöd uf ere höchere Bewusst’sii’s’stuufe, aber wenn mer s regelmässig macht, chan mehr sich nochher besser konzentriere.

Wiä mer s aatrainierte Mittel vo dr bessere gedankliche Konzentration denn nutzt, das isch em Zen-Buddhismus egal. Drum gits Zen für Nonne, wo in de Slums Guets tüend. Und es git Zen für Börse-Analytiker, wo uf de Geldmärkt möglichst vil abzocke wänd.

So, wiä me bi regelmässigem Fitnesstraining zwar en gsündere Mensch wird, aber nöd notwendigerwiis es bessers Wese, so isch es bim Mental-Training. Wenn mer s betriibt, isch mer nochher effizienter. Wenn mer nochher öpis Guets macht, isch mer effizienter im Guete, und wenn mer nochher öpis Schlächts macht, isch mer nochher effizienter, wirkigsvoller, im Schlächte.

Wiä bim körperliche Fitnesstraining gits natürlich au bim Zen-Buddhismus, also bim Mentaltraining, Sportunfäll.

Wenn mer sin Dänkapparat gezielt eso überlaste wott, dass er vorübergehend uusstigt, denn chan au öpis schiefgoh: es chan au passierä, dass dr Dänkapparat statt nur vorübergehend ganz uusstiigt, oder zumindest für en längere Ziitruum.

Drum gits bim Zen-Buddhismus Meditationslehrer, wo das Verhindere sötted – zumindest theoretisch. In dr Praxis isch es natürlich so, dass d Aaweseheit vomene uusbildete Turnlehrer au nöd verhindere chan, dass es bim Turne gelegentlich zu Unfäll chummt.

 

Liebi Gmaind,

dr Zen-Buddhismus isch nöd s anizige östliche Konzept dodrfür, was mer mit sine Gedanke so alles aafange chan. Dass Zen bi üs eso beliebt isch, hängt dodrmit zäme, dass mer dr religiösi Schnickschnack wägloh und di ganz Gschicht denn als Fitnesstraining zur Staigerig vo dr Konzentrationsfähigkeit betrachte chan.

Dr Aasatz vom Psalmbuech im alte Testament isch en andere. Bi de Psalme im Alte Testament gohts um es therapeutisches Nachvollziäh, um e kathartischi Achterbahn vo de Gfühl. Ich säg denn grad no, was ich mit „therapeutischem Nachvollziäh und kathartischer Achterbahn vo de Gfühl“ maine.

Zerst aber no öpis zur universelle Iisetzbarkeit: d Psalme sind gegenüber de Zen-Meditations’technike im Nachteil, wil si nöd universell iisetzbar sind. D Psalme setzed nämlich voruus, dass mer an Gott glaubt. Und zwar an en persönliche Gott, wo für Kommunikation prinzipiell erreichbar isch. Mer tritt mit ihm in Kontakt, und er tritt mit ois in Kontakt.

Im Zen-Buddhismus isch es egal, ob mer an Gott glaubt oder ob mer nöd an Gott glaubt oder was suscht dass mer glaubt. Wichtig isch aifach, dass mer s jewilige Meditationsritual suuber und regelkonform gemäss Programm und Aawisige vom Lehrer dure’exerziärt.

Bi de Psalme isch dr Glaube an Gott d Uusgangslaag. Dr Glaube an Gott isch dr Bode, wo mer vorübergehend unter de Füess verlüürt. Dr Glaube an Gott isch aber au di festi Grundlaag, wo mer nochher wieder suuber druf Tritt fasst.

In dr Ziit vo der Reformation händ di grosse Reformatore, dr Zwingli und dr Luther, vil Propaganda für s Psalme’singe oder Psalme’bäte g’macht. Trotz suschtige Gegesätz sind dr Zwingli und dr Luther dr Mainig gsi, en Christe’mensch sötti täglich Psalme singe und bäte, damit er im Chopf frei wird, damit sini Gedanke nöd schwarz werded, sondern hell und gottgefällig.

Dass sich d Reformation im 16. Jahrhundert eso rasch hett chöne über ganz Europa verbreite, hett au mit em Aspekt vo dr persönliche Ergriffe’heit z tue. Dr gängigi katholischi Glaube hett zwar Heilige’gschichte in dütscher Sproch kennt, doch bi de Zuehörer hend Heilige’gschichte in erster Linie Bewunderig uus’glöst. Identifiziert hett sich s aifache Volk mit dene unerreichbare, edle Vorbilder wenig. Dr gängigi katholischi Glaube hett in dütscher Sproch au d Buess’predigte vo de Bettelmönch kennt. Diä sind bi wiite Teil vo dr Bevölkerig aachoo, wil d Zue’hörerschaft in dene Buess’predigte persönlich aagsproche worde isch. Dr Amts’chile, de Bischöf und Kardinäl, sind diä Buess’predigte es stetigs Ärgernis gsi. Was di Bättel’mönch g’macht hend, sind improvisiärti Predigte in dr jewilige Landessproch gsi und nöd heiligi Messe, wo nach der strenge Ordnig vom Vatikan in latinischer Sproch verläse worde sind. Dr Erfolg vo de Buesspredigte isch aber nöd beliebig fortsetzbar gsi, wil er nur über e negativi Identifikation g’führt hett: d Zuehörer von ere Buesspredigt sind zwar persönlich aagsproche worde, aber uus’schlüüslich als Sünder. Wenn mer öpis hett wele mit’hai’neh vo däne landes’sprochliche Predigte, denn hett mer sich müese schlecht fühle, als schlechte, böse Mensch.

Falls mer aber grad emol en guete Tag verwütscht gha hett, denn sind aim derlai Schandpredigte nöd unbedingt nöch choo.

Dr Gross’erfolg vo de Psalme in de erste Johrhundert nach dr Reformation ligt im positive Identifikations’aa’gebot in Landessprache.

Mer hett dütsch’sprachigi Text gha, wo aim persönlich aa’gsproche hend, und mit em „Ich“ in däne Text hett mer e positivi Identifikationsmöglichkeit gha. S „Ich“ in de Psalme isch öpert, wo s em gelegentlich schlächt goht, nöd nur wil er sälber öpis bosget hett, sondern wil anderi das „Ich“ ploged. Di dütsch’sprochige Psalme hend em aifache, gläubige Volk d Möglichkeit gee, sich z identifiziere nöd mit irgend eme unerreichbar heilige Heilige, sondern mit eme normale Mensch, wo sait: „Gott, wieso goht s mir hüt so schlecht?“ – Das isch es menschlichs Mass. Derzue chummt, das s „Ich“ in de Psalme au lobt und dankt und sich freut. Also di ganz Sunne’siite vom Glaube, wo s locker und unbeschwert zue und her goht, diä hatt dank de Psalme in der Landessproch ihre Wäg zu dr aifache Bevölkerig gfunde. Zum religiös ergriffe sii, hett mer sich nüme müse zwingend als Sünder empfinde. Mer hett sich au emol chöne als dankbare, jo sogar als leideschaftlich aabätende Mensch erläbe, wo sait: „Gott, ich komme nicht los von dir. Du hast meine Hand ergriffen und hältst mich. Dir nahe zu sein, ist mein ganzes Glück.“

So, vilicht wüssed Si jetzt, was ich mit „therapeutischem Nachvollziäh“ meine. D Reformatore hend s Psalmbäte und Psalmsinge als täglichi Therapie empfohle. Jede Tag söll mer sine Gfühl freie Lauf loh. Mer söll schimpfe, wenn s aim ums Schimpfe z Muet isch. Mer söll klage, wenn mer klage will. Mer söll juble, wenn mer juble wott, und mer söll grossi Zfrideheit üssere, wenn mer grossi Zfrideheit verspürt.

Wieso han ich formuliert „therapeutisches Nachvollziäh“? –

Au wenn d Psalme es Angebot sind, sich mit em „Ich“ z identifiziäre, erläbt dr Zuehörer nöd jede Tag alles, wo in jedem einzelne vo de 150 Psalme fest’g’halte worde isch. Viles, wo mer sälber nöd grad erläbt hett oder wo aim eventuell spöter emol passiärt, chan mer durs Mitläbe vom Psalm, durs sich-in-Psalm-ineversetze nachvollziäh. Eso Gfühl nach’z’empfinde, wo e mir ähnlichi Person emol gha hett und läbhaft schilderet, eso Gfühl nach’z’empfinde, hett e reinigendi Wirkig. Es putzt aim d Seel dure, uf dr Klaviatur vo däne verschidene Gfühl z spile, Freud und Leid, Sorge und Überschwang aa’z’tippe oder gelegentlich emol es paar gewaltigi Akkordfolge ane’z’legge.

Wil ich studiert han, bruch ich gärn Fremdwörter, und öpis, wo d Seel reiniget, heisst „kathartisch“. Es spilerischs Uf und ab vo de Gfühl, wo min Chopf uf Durchzug stellt, isch also e „kathartischi Achterbahn vo de Emotione“.

D Psalme büted en Art, mit de Gedanke umzgoh, mit dem, was in aim dänkt, z Schlag z choo.

D Psalme bütet nöd en abstrakti Technik, sondern es Nachedänke im Dialog mit Gott, und zwar es Nochedänke im Dialog mit eme Gott, wo gelegentlich ziemlich unfassbar isch, sich denn aber wieder z erkenne git.

 

AMEN.