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2002-06-02, 10:00 Gottesdienst mit Taufe, Trachtenchor und Sprecherin Pfr. Jean-Marc Monhart
1.Johannes 4,16b-21 [aus: Die Gute Nachricht] (16b)Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott, und Gott lebt in ihm. (17)Wenn die Liebe ihr Ziel bei uns erreicht, dann werden wir am Tag des Gerichts zuversichtlich sein, weil wir in dieser Welt so mit Gott verbunden sind, wie Christus es ist. (18)Die Liebe kennt keine Angst. Wahre Liebe vertreibt die Angst. Wer Angst hat und vor der Strafe zittert, bei dem hat die Liebe ihr Ziel noch nicht erreicht. (19)Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat. (20)Wenn einer behauptet: „Ich liebe Gott“, und dabei seinen Bruder hasst, dann lügt er. Wenn er seinen Bruder, den er sieht, nicht liebt, dann kann er Gott, den er nicht sieht, erst recht nicht lieben. (21)Christus gab uns dieses Gebot: Wer Gott liebt, der muss auch seinen Bruder lieben.
Liebi Gmaind um was gohts im Predigttext?
Ai Möglichkeit, zum usefinde, um was es im Predigttext goht, isch di folgendi: Ich lise ihne d Hauptwörter vor. Gott, Liebi, Ziel, Gricht, Welt, Christus, Angst, Stroof, Brueder, Gebot. Das sind d Hauptwörter us em Predigttext. Liebi wird erwähnt. Angst erschiint als Gegetail vo dr Liäbi. Und denn chumt es moderns Wort: Ziel. Uf dr andere Siite ghöred mir zwai altertümlichi Wörter: Gricht und Gebot. Und das alles isch mitenand verknüpft. Dr 1. Johannesbrief behauptet: wer nöd liäbt, hett Angst. Wer Angst hett, bi däm isch d Liäbi nonig wirksam. Wirksam, das bedütet: effizient. En effizienti Liäbi bewirkt, dass mer kai Angst hett. Falls mer jedoch Angst hett, isch – immer gemäss 1. Johannesbriäf – d Liäbi nonig an ihrem Ziel aachoo. Derbii ghör ich jo mängisch, dass Liäbi gar kais Ziel hett. Ich ghöre und liese mängisch, dass Liäbi angeblich frei und ungebunde umenandschwirrt, Liäbi doh, Liäbi döt. Und der, wo dr 1. Johannesbrief uufgschribe hett, vertritt d Mainig, dass d Liäbi zielgerichtet isch. Doh dänkt mer schnell emol an Berechnig, und das wär ziemlich negativ. S Ziel vo dr Liäbi isch, dass mer kai Angst meh ha mues. Nöd Furcht söll vo dr Liäbi abgwehrt werde. Furcht isch öpis kalkulierbars. Wenn öpert hundert Johr alt wird, mues er oder si befürchte, dass bi ihm 1,5 x iibroche worde isch, dass er in 0,8 Verkehrsunfäll verwicklet gsi isch, oder dass er sich 0,3 x bim Wintersport öpis broche hett. Das isch natürlich schmerzhaft, ärgerlich, es nervt ain, mer mues zum Dokter goh, mer mues Versicherigsrapport uusfülle, mer mues en Polizeirapport unterschriibe oder dr Krankekasse aalüüte – settigi Sache mached aim aber in letzter Konsequenz kai Angst. Angst isch es denn, wenn s nüme kalkulierbar isch. Wenn d Statistik versait, wenn Zahle überhaupt ihri Bedütig verloore händ, denn het mer Angst. Wenn mer sich nüme sicher fühlt. Wenn mer glaubt, dass aim niemert hilft. Wenn mer sich verloore vorchummt. Dr 1. Johannesbrief schilderet nöd nur s Höchste vo de Gfühl, Liebi. Er nennt au dr bedenklichst vo allne Zueständ, d Angst – und zwar nöd d Angst vor däm, was aim en andere Mänsch oder sogar s Schicksal zuefüäge chönnti, sondern d Angst dervor, dass mer s sälber ver’chachlet: D Angst vor em G’richt.
Liäbi Gmaind mängi Wörter werded in dr Gegewart anders brucht als es zur Ziit vom 1. Johannesbrief dr Fall gsi isch. Hützutags isch s Gricht a weltlichi Strofkammere in Form vomene Bezirksgricht, amene Obergricht oder sogar in Gestalt vom oberste Gricht, nämlich em Bundesgricht in Lausanne. Um settigi Gricht macht sich der Verfasser vom 1. Johannesbrief kai Sorge. Si sind sinere Mainig noch unbedütend im Vergliich zum göttliche Gricht. Am „Tag des Gerichts“ chummt uus, was für e Bilanz das ds Läbe hett, wo hinter aim liit. Gott urteilt, ob das verhebet, wo mer gmacht hett, oder obs vergäbis gsi isch. Angst hett mer, wenn mer befürchtet, dass d Bilanz negativ isch. Denn das bedütet joh im Angesicht vom Richter nöd nur, dass mer en schlechte Tag verwütscht hett, wo wieder verbii goht. Es bedütet vor allem, dass mer bestroft wird; und zwar nöd öpe nur nochher, sondern vorher – vorher grad au no. Ob s Himmel und Höll git, was mit de Guete passiert und was mit de Böse – über das existiered unterschiedlichi Aasichte. Mer chan sich dr Himmel in sinere Schönheit uusmole, oder d Höll mit ihrem Schrecke. Mir werded mit soviel schöne, aber au schreckliche Bilder in de Medie konfrontiert, in dr Tagesschau, in Computerspiele, in Heftli. An Ort, wo früener als unerreichbari Paradies gulte hend, chönd hüt Normalverdiener hiiflüüge zum döt Feriä mache. Und umgekehrt chummt d Höll jede Tag uf mehrere Fernsehkanäl zu üüs, wo mir üs Bosheit, vielerlei Arte vo Hinterlist, Fiesheit, Brutalität und Aggression und Verdorbeheit innezüche chönd. Das, was üüs hützutags hauptsächlich beschäftiget, isch vermuetlich nöd unbedingt d Angst vor dr ewige Strof. Sondern es isch d Uuswirkig von somene Schlussurteil, wo Schatte zruckwirft in oises gegewärtige Läbe. Jede 5. Schwiizer hett aimol in sim Läbe e Depression, wo medizinisch behandlet werde sött. Das hett mer chürzlich chöne in dr Ziitig läse. E lähmendi Angst, dass mer em Läbe nöd gwachse isch; e Truur über verpassti Chance, wo aim arbets’unfähig macht: das sind Merkmal, wo in de altertümliche Wort vom 1. Johannesbriäf mit „Angst vor dem Tag des Gerichts“ bezeichnet werded. Zum eso lähmendi Gmüetszue’ständ haa, mues mer nöd emol speziell an Gott glaube. Um in sinere Arbets- und Gnussfähigkeit zum Stillstand z choo, mues mer nöd emol an e drohendi Höll im Jensiits glaube. Es langet bereits, wenn mer in dr Jetzt‘ziit kain Aatrieb meh hett. „Wer Angst hat und vor der Strafe zittert, bei dem hat die Liebe ihr Ziel noch nicht erreicht“, sait oise Predigttext. E medizinisch indizierti Depression isch nöd scho verbii, wenn mer em Erkrankte sait: „Du muesch dich jetzt em Wirke vo dr Liäbi öffne.“ – Di medizinisch Behandlig bestoht jo in de meiste Fäll dodrin, dass mer Stimmigsufheller verschribe überchummt, Psychopharmaka, wo ain ufpäppele oder doch stabilisiäre sölled. Mängisch mues mer öppert no us em Verkehr züche und us seelische Gründ vorübergehend arbets’unfähig schriibe. Hii und da isch öpert sogar uf e gschützti Unterkunft aagwise und loht sich am beste für e Ziit in ere psychiatrische Klinik behandle. Das alles hett sin Wert. Es betrifft allerdings nur d Spitze vom Iisberg. Dene, wo vo schwere Depressione hei’gsuecht werded, stoht e vil e grösseri Zahl vo Persone gegenüber, wo s emol grad no gschafft hend; oder wo sogar scho mehrmals uf dr Kippi gsi sind. Und do, unterhalb vo dr medizinische Iigriffs’schwelle, machts scho Sinn, wenn mer uf d Iisicht vom Johannesbrief hiiwiist. Denn diä ungnädig Selbstbeurteilig, wo uf e Selbstverurteilig use lauft und zur Lähmig füehrt – en reale Hintergrund isch tatsächlich vorhande. Im Vergliich mit de Lüüt, wo ich mit ne zsämeläbe, gits Regle vom Aastand, es git s Strofgsetz, und es git vilicht no anderi Sache wiä d Bürgerpflicht. Aastand isch, wenn ich öpertem d Tüür uufhebe, und für Abfall dr Abfall’chübel verwende. S Strofgsetz verlangt, dass ich mini Stüüre zahle und nüechtern autofahre. Und wenn ich denn no minere Bürgerpflicht gerecht wirde und go abstimme gohne, denn bin ich alles in allem es ganz es bruuchbars Mitglied vo dr menschliche Gsellschaft. – Das isch alles guet und recht, und für s Uus’choo mitenand bruuched mir settigi Richtliniä. Fürs Uus’choo mitenand bruuched mir gelegentlich sogar kliinlichi Richtliniä, wil s anderst offebar nöd funktioniärt. Das isch aber nöd dr Stoff, wo Selbstanklage druus gmacht sind. Das isch nöd s Material, wo Depressione drus erzügt werded. Denn uf däre seelische Ebeni langet s ebe nüme, wenn ich es ganz es bruuchbars Mitglied vo dr menschliche Gsellschaft bin. Uf däre Ebeni wäri d Frog: chan ich vor mir sälber bestoh? Wird ich de Massstäb gerecht, won ich mich sälber dermit mässe? Chum ich zunere guete Iischätzig vo mir sälber, wenn ich sälber bestimme dörf, was „guet“ bedüütet?
Liebi Gmaind Solangs für öpis klari Regle git, chamer si iihalte, und denn isch es ok. Solangs für öpis klari Regle git, chamer sich au gege si entscheide, und denn isch es zwar nöd ok. Aber mer isch denn immerhin en Rüpel oder en Stüürhinterzücher oder lausige Staatsbürger. Und denn weis mer doch immerhin, was mer isch. Mer hett en Orientierig. Au e negativi Orientierig isch immer no en Orientierig. Es söll jo Lüüt geh, wo Rüpel sind, und stolz druf. Sobalds für öpis kai klari Regle meh git, was denn? Wo s kai klari Regle git, isch s nöd nur unmöglich, si ii’z’halte. Wo s kai klari Regle git, chamer mer zudem au nöd gege si verstosse. Mer isch orientierigslos. Mer chan nüt mache, weder in dr ainte Richtig, noch in dr andere. Di ältere unter Ihne wüssed vilicht no, was „advocatus diaboli“ isch. „Advocatus diaboli“, das isch diä inner Stimm, wo alles schlecht macht. Eigentlich heisst s „Anwalt des Teufels“, und das Wort chummt us dr phantasie’riich uusgschmückte Version vom Welt’gricht, wo dr Tüüfel möglichst vili Lüüt zu sich in d Höll hole möcht. Drum wiist dr Tüüfelsadvokat dr Richter immer uf di negativ Siite vo öpis hii. Wenn also en Neffe sini chranki Tante regelmässig bsuecht hett, denn sait dr „advocatus diaboli“ dodrzue im jüngste Gricht: „Der hett sich doch nur wele ii’schmaichle, damit er vo ihre möglichst vil erbt.“ Mit sonere innere Stimm, wo alles schlecht macht, wo mer tuet, chamer sich sälber lahm legge. Denn für so ziemlich alles, wo mir tüend, chönd mir irgendwo e negativi Begründig finde. Es Stück wiit isch es sogar sinnvoll, diä inneri Stimm gelegentlich zu Wort choo z loh. Ich mues mich jo nöd für dr besti Mensch halte, wo jemols gläbt hett. Und ich sött au nöd total naiv glaube, ali mini Mitmensche täged immer nur Guets. Also isch es gschid, wenn ich öpe emol lose, was diä Stimm zumene Thema sait. Wenn ich aber nur no uf dr „advocatus diaboli“ lose, denn chum ich sälber zum Stillstand. Und: wenn ich nur no uf dr „advocatus diaboli“ lose, lass möglicherwiis au nüt meh gelte, wo anderi Lüüt mached. Das chan diä zu Recht nerve. Als Teenager isch mer jo fast verpflichtet derzue, esone Phase dure z mache, wo mer drin alles schlecht findet, wo anderi mached. Aber denn isch mer irgendwenn nüme Teenager, und denn hett mer diä Phase überwunde – in dr Theorie. Solang mer aber nur das schlecht macht, wo anderi tönd, isch mer zwar e Nerve’sägi, aber innerlich gsund. Wenn mer an sich sälber alles schlecht macht, denn isch mer unter Umstände zwar sehr unuuffällig derbi, aber mer macht sich krank. Wil d Stimm vom Tüüfel uf ihri Art e Logik für sich hett, chamer si nöd völlig uus’lösche. Mer mues si uufhebe dur e anderi Stimm, wo nöd s Gegetail sait, sondern öpis uf ere ander Ebeni. Das isch d Liäbi, wo sait: Gott isch dir gnädig. Drum musch du kai Angst haa. Gott hett dich grettet, drum bestohsch du im G’richt. Du bisch nöd perfekt. Du hesch Abgründ. Aber, wiä s im 1. Johannesbrief heisst: „Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat.“ Es chummt Guets vo Gott zu ois, und das isch so wirkigsvoll, das mir s überneh chönd. „Wenn die Liebe ihr Ziel bei uns erreicht, dann werden wir am Tag des Gerichts zuversichtlich sein, weil wir in dieser Welt so mit Gott verbunden sind, wie Christus es ist.“ – „Der Tag des Gerichts“, das chan jeder einzelni Tag si, sofern üs dr „advocatus diaboli“ an dem Tag aaklagt. D Stimm vom Aakläger isch doh. Si mues üs aber nöd us dr Fassig bringe, wenn mir in dere Welt mit Gott verbunde sind. Jesus isch in däre Wält mit Gott verbunde gsi. Bi ihm hett d Liäbi ihres Ziil erreicht. Eso wänd mir s au halte. Denn sind mir nüme vo dr Angst bestimmt, ung‘nüegend z sii, sondern mir sind vo dr Liäbi bestimmt; vo dr Liäbi, wo mir bechoo dörfed.
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