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2002-04-14 10.00 Predigt Pfr. Jean-Marc Monhart MISERICORDIAS DOMINI / Die Erde ist voll der Güte des Herrn. Psalm 33,5 Predigttext – vorgeschlagen vom Losungsbüchlein: Hebräer 13,20-21 (in der Übersetzung „Die Gute Nachricht“)
20Gott, der uns Frieden schenkt, hat den, der durch seinen Tod zum grossen Hirten der Schafe geworden ist und mit seinem Blut den ewigen Bund besiegelt hat, Jesus, unseren Herrn, vom Tod erweckt. 21Gott helfe euch auch, all das Gute zu tun, das er haben will; denn er selbst wird in uns schaffen, was ihm gefällt. Das tut er durch Jesus Christus. Darum gehört ihm die Ehre für alle Zeiten. Amen.
Predigt
Liebi Gmaind Am Schluss vom Brief an d Hebräer sind es paar gueti Wünsch uufgfüehrt. Dr Hebräerbrief isch e theologischi Abhandlig, wo gege Änd no es paar seelsorgerlichi Bemerkige enthaltet. Am Aafang vom Brief hetts zwar kain Absender, derfür gits am Schluss so en Art en Säge. Wer immer dr Brief an d Hebräer also gschribe hett – es isch däre Person nöd aifach um Belehrig gange. S Wohlergehe vo de Zuehörer isch em Verfasser ebefalls wichtig gsi. D Läser sölled nöd nur gschider werde bi dr Lektüre vom Brief. Im Ändeffekt sölled si sich au besser fühle. Besser goh söll s ne.
In de Schlusswünsch vom Hebräerbrief gohts um s Gliiche in zwei verschidene Erschiinigsforme. Jesus und Gott werded erwähnt. Es git im noie Testament nur ein Gott. Er isch so umfassend und komplex, dass mer ihn vo verschidene Siite her betrachte chan. Je nach dem, vo welere Siite her mir Gott betrachtet, gsehnd mir e chli öpis Verschides. Im alte Testament, also vor dr Geburt vo Jesus, wird Gott erläbt als König, als chaotische Sturm, als Füür, als liises Lüftli, als barmherzigi Vaterfigur und als unbarmherzige Richter. Das isch kai kompletti Uufzellig. Es sött au klar sii, dass das alles nur Aanöcherige sind; Bilder, wo uf Gott hiiwised. Zum Teil widerspreched sich diä Bilder au: es barmherzigs Eltereteil und en unbarmherzige Richter sind nöd s Gliiche. En Windhuuch und en Wirbelsturm sind au nöd s Gliiche – si sind zwar verwandt, aber nöd identisch. Sorge wäg de widersprüchliche Bilder münd mir üs nöd mache. S alte Testament erstreckt sich über en Ziitruum vo mindestens 1600 Johr. Möglicherwiis isch s alte Testament aber sogar über 2500 Johr hinweg entstande. Je nachdem, was für Wisseschaftler mer fröget, bechummt mer unterschidlichi Antworte über. Egal, ob s 1600 oder 2500 Johr duuret het, bis alli 39 Büecher vom alte Testament gschribe gsi sind – öpis bliibt sich gliich: Verschideni Persone hend s alte Testament gschribe. Es git nöd ain Standard-Typus vo frommem Mensch, wo über Johrhunderte hinweg immer wieder es Stück alts Testament verfasst hett. Di ainzelne Persönlichkeite hend unterschiedlichi Persönlichkeitsstrukture. Dr Profet Jeremia isch zimli sicher depressiv gsi. Dr Weisheitsautor Kohälet chönti mer im hütige Wortgebruuch als Zyniker bezeichne. Dr Dichterkönig David isch e charismatischi Figur gsi, wo d Lüüt hett chöne mit’riisse. Dr Nehemia isch en nerve’starke Organisator gsi, wo unter Druck zu Höchstform uuf’gloffe isch. Und alli diä Lüüt hend im alte Testament uufgschribe, was si mit Gott erläbt hend. Wil dr Jeremia, dr Kohälet, dr David und dr Nehemia unterschiedlichi Persönlichkeits’strukture gha hend, sind ihr Gotteserfahrige unterschiedlich prägt. Wenn mer d Wält dur e grüen tönti Brille aalueget, hett si en Grüenstich. Wenn mer d Wält dur e blau tönti Brille aalueget, hett si en Blaustich. Währenddem mer e tönti Brille jedoch ablegge chan, loht sich dr Charakter vomene Mensch nöd ablegge. Mir sind eso, wiä mir sind. Was mir gsehnd, gsehnd mir immer dur oisi Auge dure. Mir sind nöd objektiv. Kain Mensch gseht Gott eso, wiä er isch. Mir gsehnd ihn subjektiv. Mir gsehnd ihn nöd so, wiä er isch, sondern eso, wiä mir ihn grad gsehnd. Dr Vorteil vomene Buech, wo verschideni Mensche drinine us ihrer jewils unterschidliche Sicht Gott beschriibed, ligt für mich uf der Hand: je meh Lüüt us eme immer wider andere Blickwinkel s gliichige Phänomen schildered, desto klarer wird für mich, um was und um wen dass es sich do handlet.
Im alte Testament isch d Betrachtig vo Gott nöd systematisiert. Bi de 39 Büecher handlet sich s aifach um e Sammlig vo Gotteserfahrige, wo teilwiis zimlich im Kontrast stönd zunenand. Di Gläubige hett das nöd gstört. Si hend sich aifach das use’pickt, wo ihne persönlich zue’gsait hett. In dem Sinn isch d Patchwork’religion nüt nois. Dass sich jede sin Glaube individuell us em vorgegebene Aagebot zsämestellt, hett s bereits vor Christi Geburt gee. Entscheidend us dr Sicht vo dr Bible isch, dass sich ali diä Büecher uf Erfahrige mit Gott abstützed. Es sind persönlichi Erfahrige, wo ainzelni, reali Lüüt in ihrem echte Läbe gmacht hend. Anderi Mensche, wo spöter uf dr Wält gsi sind, händ sich chöne mit däne Erfahrige vo ihrne Vorfahre identifiziere. Drum hend si si wiiterverzellt. Drum hend si si für sich sälber wertgschätzt und de kommende Generatione wiiter’g‘raicht.
Dr Hebräerbrief, oise Predigttext, stoht im Noie Testament. Im noie Testament wird e starki Tendenz zur Systematisierig sichtbar. Di verschidene Gotteserfahrige, wo im alte Testament meh oder weniger neber’enand stönd, werded im noie Testament zunenand in Bezug gsetzt. S Resultat dodrvo isch di heilig Trinität, oder uf dütsch, di Dreieinigkeit.
Uslöser für dr Drang zur Systematisierig isch d Person vo Jesus Christus. Jesus isch im noie Testament dr Hauptperson. Indem si sis Läbe ufgschribe händ, sind verschideni Autore zu Verfasser vom zweite, chliinere Teil vo dr Bible worde. Es händ übrigens recht vili Lüüt nach Tod und Uferstehig vo Jesus Büecher über ihn gschribe. Dass lediglich vier settigi Läbens’gschichte im noie Testament enthalte sind, isch d Folg vomene Uslese’verfahre. Bevor s noie Testament als Ganzes bestande hett, händ sich Chilegmainde am Mittelmeer gege’siitig Liste zue’gschickt. Es hett sich um „Best of“-Liste g’handlet. Dodrin hett mr de andere Chilegmainde mitteilt, weli Jesusgschichte und weli Brief vo Apostel und andere Lüüt dass si guet finded. Es isch also ähnlich wiä scho bim alte Testament: Diä Text, wo d Lüüt sich religiös hend chöne dermit identifiziere; diä Gotteserfahrige, wo mer hett chöne nachvollzieh, diä sind anderne zum Läse empfohle und der Nochwelt wiiter’g’raicht worde.
Dodrbi hett sich zaigt, dass di erste Christe vil vernünftiger und nüechterner gsi sind, als mir de Bewohner vom römische Riich vilicht zue’traue würded. Si händ nämlich kaini vo däne Jesusläbensgschichte uf Duur akzeptiert, wo drin längeri unverständlichi Predigte vor’choo sind oder wo Wundergschichte us dr Kindheit vo Jesus enthalte händ. Uf däne Liste, wo di erste Chilegmainde sich zuegschickt hend zum enand uf gueti Evangelie uufmerksam mache, sind mit der Ziit nur no vier Jesusgschichte gstande: diä vo Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, wo hüt in oiserer Bible abdruckt sind. Diä Evangelie enthalted uuschlüsslich relativ churzi Predigte vo Jesus, und zwar settigi, wo s meiste dervo sogar nach üserne moderne Vorstellige verständlich isch. Und: in Jesusgschichte, wo nöd in dr Bible erhalte sind, werded zum Bispil Wunder us der Kindheit vo Jesus wiä folgendes verzellt: Jesus heigi als chlises Chind us Lehm Spatze gformt, und denn seiged diä Vögel us Dreck lebändig worde und dervo g’floge. Diä und ähnlichi Gschichte hend scho oiseri Vorvorfahre für kitschig ghalte, si sind ihne unglaubwürdig vorchoo und drum hend si so öpis nöd im noie Testament welle. In de vier Evangelie Matthäus, Markus, Lukas und Johannes gits kai einzigi Gschicht, wo Jesus als Chind es Wunder tuet. Es git allerdings e Kindheits’g’gschicht, wo kais Wunder isch, derfür aber ahne loht, was der erwachseni Jesus vorhett: während dr jöhrliche Wallfahrt uf Jerusalem haut dr Jesus sine Eltere ab und goht in Tempel. Döt diskutiert er mit de religiöse Lehrer. Das isch insofern nöd verwunderlich, dass mer bi de strenggläubige Jude bis zum hütige Tag mit 12 oder 13 Johr als vollwertigs, erwachses Mitglied vo dr Synagoge gilt. Dr Jesus hett also, chum hett er s Mindestalter erreicht gha, welle sini Mitgliedschaft als noie Erwachsene unter Bewiis stelle. Diä Gschicht hört übrigens ähnlich uf wiä mengi Versüech vo Jugendliche, wo als Erwachseni gelte wänd: d Eltere griifed ii und schimpfed. Josef und Maria finded ihre Uusriisser im Tempel und nämed ihn wider mit, zrugg uf Nazaret. Ihre ältist Sohn söll nöd im Tempel theoretischi Diskussione füehre, sondern am Vater Josef in sinere Bauschriinerei ganz praktisch zuä’arbeite. - Mer chan de Eltere Josef und Maria dankbar sii, dass si dr Jesus nöd als Wunderchind im Tempel gloh hend, zum ihm döt e religiösi Uusbildig als Schriftgelehrte ermögliche. Denn wo dr Jesus ungfähr 30 jöhrig doch aagfange hett z predige, do sind sini Vergliich bildhaft gsi. Sini Uussage hend Hand und Fuess gha. Mehrfach wird in de Evangelie e bestimmti Publikumsreaktion gschilderet - dass nämlich d Zuehörer gsait händ: bi däm, wo dr Jesus sait, chummt mer druus – nöd so, wiä bi de wiitschweifige Uus’füehrige vo de Schrift’gelehrte.
Liebi Gmaind im alte Testament sind Erfahrige vomene ferne Gott und emene nöche Gott unverbunde näberenand gstande. Im noie Testament chummt Jesus vor. Das hett de Gläubige e Zue’ordnig ermöglichet. Si händ chöne säge: dr ferni, unbegriiflichi Gott, dass isch Gott Vater. Und dr nöchi, zue’gänglichi Gott, dass isch Jesus. Jetzt hett Jesus jo nur cirka 33 Johr uf däre Wält g’läbt, und gliich chönd mir d Chraft vo sine Tate und Uussage und s Charisma vo sinere Person immer no gspüre, wenn mir uf sine Ussage losed und üs vo de Gschichte über ihn be’iirdrucke lönd. Däre Energie, wo dr körperlich abwesendi Jesus für üs verständlich macht, sait mer dr heiligi Geist.
Weder dr göttlichi Mensch noch dr heiligi Geist sind Erfindige vom noie Testament. Baides chummt im alte Testament vor, aber vermuetlich isch es niä für alli Gläubige in dr Ziit vom alte Testament wichtig gsi. Dr heiligi Geist isch di griechisch Übersetzig vo dr alttestamentliche Wiisheit. Einige Gläubige in dr Ziit vom Jesus hend sich d Weisheit als Person vorgstellt. Weisheit mues jo verständlich sii, und verständlich isch öpis denn, wenn s zu ois redet, also wenn s an oise Verstand appelliert und so mit ois kommuniziert. Wo di erste Christe vom heilige Geist gredet hend, do händ si sich uf luuter Bibelstelle beruefe, wo im alte Testament enthalte gsi sind. Bim göttliche Mensch isch es nöd vil anders. Im alte Testament wird Gott als guete Hirt gschilderet. Das isch es mänschlichs Bild. Im noie Testament hett Jesus das Bild noi interpretiert, indem er sich identifiziert hett mit em guete Hirt. Sine Jünger, bis hii in d Gegewart und zu ois, hett das iiglüchtet, und si und mir betrachted Jesus als en Erschiinigs’form vom göttliche guete Hirt. Wenn Gott im alte Testament vereinzlet gnädig gsi isch, hett mer im noie Testament d Gnad als e Haupteigeschaft vo Jesus aa’glueget, wil er d Lüüt nöd mit Gwalt bekehrt hett, sondern probiert hett, si z überzüüge. Jesus isch also irgendwiä göttlich. S Göttliche an Jesus isch aber au s Göttliche, wo jede Mensch dermit uusgrüstet isch. Im Gspröch mit sine Jünger und bim Predige hett sich dr Jesus öpe als „Sohn des Menschen“ bezeichnet. Dr Sohn vomene Mensch isch wider en Mensch. Dr „Sohn des Menschen“ isch also durch und durch Mensch, 100% Mensch. Allerdings hett Jesus diä Formulierig „Sohn des Menschen“ nöd erfunde. Er hett si vorgfunde im alte Testament. Wil dr Jesus en fromme Jud gsi isch und läse hett chöne, hett er s alte Testament gläse und döt chummt d Formulierig „Sohn des Menschen“ vor. Dr Jesus hett also e alti religiösi Formulierig uuf’g’riffe, sich dermit identifiziert und si wiiter’gee. In dem Prinzip ligt e Chraft. Es isch diä selbstwirksam Chraft, wo d Wiitergab vom Glaube vo dr ainte Generation an di nächst Generation druf be’ruäht: dass mer sich mit öpis befasst, dass mer sich sälber dermit identifiziert und s denn ganz natürlich au wiitergit. Es isch das Prinzip, wo im Hebräer 13, Vers 21 als guete Wunsch formuliert isch: „Gott helfe euch auch, all das Gute zu tun, das er haben will; denn er selbst wird in uns schaffen, was ihm gefällt. Das tut er durch Jesus Christus.“
Wenn mir üs uf dr Glaube iilönd, wenn mir üs mit Jesus beschäftiged, wird ois diä Beschäftigung zunere Chraftquelle. Das z mache, wo Gott will, isch nüme oises Problem, denn wenn mir üs uf Gott iilönd, schaft er selber in ois das, wo ihm gfallt. AMEN. |