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2009-07-19 10:00 Gottesdienst
6. Sonntag nach Trinitatis
Predigt Pfr. Jean-Marc Monhart

 

Calvin: "solidarisch"

 

Liäbi Gmaind

willkomme am zweite Sunntig in dr Predigt'reihe zum Johannes Calvin, 1509-1564.

Dr Reformator vo Genf, das tönt so ähnlich wiä Dominator oder Terminator oder Diktator. Ein, wo dominiärt, terminiärt (also d Entscheidigs'gwalt hett), und diktiärt (bestimmt, wiä s lauft).

Das isch e Ver'eifachig im Rückblick. Denn entschide hett dr Stadtrat vo Genf. Dr Stadtrat vo Genf hett dr Calvin es ersts Mal g'holt, denn wieder dervo g'jagt, denn ihn es zweits Mal g'holt. Und dr Stadtrat vo Genf hett dr Calvin erst ii'bürgeret, wo er bereits ernsthafti gsundheitlichi Problem gha hett und 9 Jahr vo sim Tod entfernt gsi isch.

Dr Stadtrat hett sich regelmässig über em Calvin sini Wünsch und Aaligge hinweg'gsetzt.

Etlichi Abstimmige  in Sach'frage sind mit knapper Mehrheit "pro Calvin" gfalle.

Dass dr Johannes Calvin innerhalb vo de Stadtmuure vili Gegner gha hett, das hett er jede Tag und jedi Nacht chöne ghöre. Mehreri vo sine Genfer Gegner händ ihrne Hünd dr Name "Calvin" gee, und dur das hend si en Grund gha, zum uf de Strasse "Calvin, chum da ane, Calvin, schnüffel nöd döt ume" z ruäfe. Selbstverständlich hend si nur mit ihrne Hünd gredet, und wenn sich dr Calvin betroffe gfühlt hett, isch das SIS Problem gsi.

Betrunkeni Spätheimkehrer us de Beize hend sich es Vergnüäge druus gmacht, vor em Pfarrhuus vom Calvin z lärme.

Ganzi zwei Mönet lang während sinere Wirksamkeit in Genf hett dr Calvin z Obig bim Studiäre Ruäh gha, wil di weltliche Gast'hüüser solang dur christlichi Gast'hüüser ersetzt worde sind.

Di meiste Beize'gänger hend aber nöd wele in d Beiz, zum döt fromm sii, sondern zum ais go trinke.

Drum hett dr Rat s weltliche Beize'verbot nach nur zwei Mönet wider uuf'g'hobe, und dr Calvin hett sich in sinere Studiärstube wieder müse s Gejohle vo sine Gegner aalose, wenn d Wirtshüüser spöt in dr Nacht Polizei-Stund gmacht gha hend.

Ohnehin hend d Genfer vo de Reformatore als eme Trio gredet: si hend dr Guillaume Farel und dr Pierre Viret und dr Johannes Calvin als "Trepied" bezeichnet, als Hocker mit drei Bei, wo nöd stah chan, wenn ais Bai ab'bricht. Tatsächlich redet mer hüt nöd vom Farel-ismus oder vom Viret-ismus, sondern vom Calvinismus.

Damals hingege hett sich dr Calvin ohni d Unterstützig vo sine Fründe Farel und Viret nöd chöne dure'setze. Er hett in dr Oeffentlichkeit unsicher g'wirkt und liislig g'redet. Also hett er Kollege brucht, wo für ihn s Wort ergriffe hend, wo ihm Gehör verschafft hend.

 

Jetzt bitte ich Sie, liäbi Gmaind, s Wort z ergriffe und sich Gehör z verschaffe, indem wir vom Lied 27 ali drei Strophe singed. "O Höchster, deine Gütigkeit" us em Genfer Psalter, em Liäderbuäch vo dr Genfer Reformation, Nr. 27,1-3.

 

Predigt, 1. Teil

S Stichwort vom hütige Sunntig heisst "solidarisch".

Hüt reded mir vor em Hintergrund vomene zimliche Wohlstand und vo wiitgehender Sicherheit vo "Solidarität".

Das isch im 16. Jahrhundert im französische Sprach'ruum anderst gsi. Di französische Reformiärte, vo de Altgläubige als "Hugenotte" verspottet, sind gflüchtet zu de Eidgenosse. "Hugenott" isch die französisch Us'sprach vo "Eidgenoss" gsi. Diä Franzose, wo altgläubig blibe sind, hend also die Reformiärte als "Schwizer" bezeichnet, wil vili in di Schwiz gflüchtet sind.

Dr Calvin hett in sim Genfer Pfarrhuus bis zu 15 Flüchtling beherbergt. Es hett aber im Huus nur drei Bette geh. Rechne!

Nachdem er us Genf vertribe worde isch, und bis mer ihn zruck'g'holt hett, isch dr Calvin im elsässische Strassburg Hugenotte-Pfarrer gsi. Er hett aber keis Gehalt, kein Lohn im existenz'sichernde Sinn bezoge. Sini Gemeinde'glieder sind als Flüchtling us Frankriich sälber finanziell aa'g'schlage gsi. Während däre Ziit hett sich dr Calvin sälber finanziärt, indem er Buäch für Buäch sini Privat'bibliothek zu Geld g'macht hett. Solidarität, wo vor em aigene Portmonnaie nöd Halt macht. En Gelehrte bruucht doch Buächer! Aber di seelsorgerlich Betreuig vo de Glaubensflüchtling isch em Calvin meh wert gsi als volli Buächer'g'stell.

 

Bi sim zwaite Ufenthalt in Genf, wo bis zu sim Tod duuret het, isch dr Calvin denn besoldete Stadtpfarrer gsi. S Geld, wo er als Stadtpfarrer bezoge hett, isch nöd is Mobiliar gflosse. Bi sim Tod sind no di gliiche Möbel im Pfarrhuus gstande wiä bi sim Iizug. Si hend dr Stadt Genf ghört und sind imene Inventarverzeichnis uuf'g'füährt. Drum wüssed mir das.

Sin Pfarrer'lohn hett dr Calvin brucht, zum durchreisendi Flüchtling in grosser Zahl beherberge, und - zum Briäf schribe. Dr eigentlich Grund, wiso dass es hüt Calvinismus und nöd Viretismus oder Farelismus heisst, isch sini Korrespondenz gsi. Dr Calvin hett sälber Briäfe gschribe, aber öpe drei Viärtel vo sine Briäf hett er diktiärt. Di Briäfe hett er dur Postbote in ganz Europa ume schicke lah, was vil meh kostet hett als s Briäfporto hütt. Usserdäm hett er ziitwiis zwei Sekretäre beschäftigt, und als qualifiziärti Schriib'chreft hend diä au en gwüsse Lohn über'cho.

Dr Calvin hett zwar ziitwiis en Monet lang s Stadttor nöd passiärt. Er isch in dr Stadt blibe, d Lüüt sind zu ihm cho, oder er isch in d Chile, oder er isch hii und da mit eme Aalige vor dr Rat träte.

Sini Gedanke hingege sind in Form vo Briäfe bis uf Holland und Schottland cho, und händ s Gsicht vo dr christliche Chile in dr noiä Wält massgeblich prägt dur Uswanderer us Holland und Schottland, wo per Schiff uf Amerika sind.

Währenddem dr Calvin also in Genf dr flankierendi Schutz vo sine Kollege brucht hett zum nöd untergah, sind sini uuf'gschribene Gedanke in briäflicher Form dur Europa g'reist und bis uf Amerika gelangt und hend döte Iifluss gno uf s Dänke und Schaffe vo de Iiwanderer im "land of the free".

 

Predigt, 2. Teil

Dr Urwald-Doktor Albert Schweitzer hett emol Zivilisation eso beschribe: wenn mer dr Mist zettlet, isch das dr Aafang vo dr Zivilisation. Also, anderst formuliärt, wenn mer d Chuäfläde und s verdräckte Stroh regelmässig vom Vieh ewäg nimmt und uf ain Huufe uufschichtet, denn isch mer dr Zivilisation es grosses Stück nächer cho.

Dr Johannes Calvin hett ebefalls, uf sini Art, dr Mist zettlet, also: im Chliine für Ordnig g'sorgt. Er isch bim Rat vorstellig worde mit em Wunsch, in de hoche Genfer Hüüser Fenstergitter gsetzlich vor'z'schriibe. Immer wieder sind us de obere Stockwerk vo de Genfer Hüüser Chind in Tod gstürzt. Dr Rat het em Wunsch vom Calvin entsproche und Fenstergitter in de Hochhüüser vor'g'schribe.

Ebefalls uf en Vorschlag vom Calvin gaht d Iifüährig vo Trottoir näber de Strasse innerhalb vo de Stadtmuure vo Genf zruck. Immer wieder sind Fuässgänger vo Fuhrwerk aagfahre oder sogar überfahre worde. Zum d Fuässgänger vor de Fuhrwerk z schütze, hett dr Rat vo Genf em Wunsch vom Calvin entsproche und Trottoir ii'g'füährt.

Nöd jede Wunsch isch em Reformator gewährt worde.

Wo dr Rat vo Genf dr durchreisendi Michael Servet als Ketzer zum Tod verurteilt hett, isch dr Calvin mit em Wunsch cho, dr Servet sölli mit em Schwert enthauptet statt uf em Schiiter'huufe verbrennt werde. Das wäri humaner, weniger qualvoll und vor allem en vil en schnellere Tod gsi.

Aber dr Rat vo Genf hät sich nöd für d Quale vomene bekennende Ketzer interessiärt, sondern für d Quale vo dr Genfer Bevölkerig, wenn Genf dr Reichs-Acht, em Bann vo Kaiser und Papst, erligt. Nöd nur Ketzerei isch nach allgemeiner Aasicht im 16. Jahrhundert es todeswürdigs Verbreche gsi, sondern au d Beherbergig vome Ketzer. D Genfer Bevölkerig wär also im schlimmste Fall als Ganzes vogelfrei worde, wenn si dr Servet nöd hii'grichtet hetti. Und bereits e unvollständigi Hiirichtig - durs Schwert - hätti theoretisch d Rechtfertigung für jede Fürst und König chöne abgee zum Genf plündere und aazünde.

Dr Stadtrat hätt sich uf briäflichem Wäg bi de reformiärte Städt in dr Schwiz nach dr Meinig vo de dütsch-schwizer Reformiärte erkundiget, und wo ali uf Genf gschribe gha hend: hiirichte! isch dr Servet gemäss dr Ketzer-Vorschrift (also: mit sine Büächer und langsam, uf em Schiiterhuufe) verbrennt worde.

Genau s Gliche hetti mer gmacht in jedere andere Stadt, egal ob katholisch oder reformiärt. So aber hett mer s in spötere Jahr'hunderte em Calvin in d Schuäh gschobe.

Solidärität heisst au, vo sinere Gmainschaft drohende Schade fernhalte. Solidarität isch nöd immer harmlos.

Das zeigt d Reaktion vom Rat vo Genf uf en Pest-Uusbruch, wo Genf erfasst gha hett. Dr Stadtrat hett 15 Genfer zum Tod dur Verbrenne verurteilt, wil si für schuldig befunde worde sin, d Pest z verbreite. Us hütiger Sicht sind das Justizirrtümer, tödlichi Fehlentscheid. Mer hett Sündeböck bruucht zum s Volk in dr Pest-Ziit irgendwiä beruhige.

Wieder hett dr Calvin dr Rat ersuächt, di humaner Tötig durs Schwert statt uf em Schiiter'huufe z praktiziäre. In däm Fall hett dr Stadtrat nach'gee, wil d Bestrafig vo Pestverbreiter kais internationals kirchlichs Rächt gritzt hett.

Us hütiger Sicht würdi mer allerdings erwarte, dass dr Calvin das Sündebockprinzip hätti sölle durchschaue! In dr damalige Ziit hend offebar anderi Gedanke zellt. Dr Gelehrti Calvin hett d Rechtmässigkeit vo däne Todesurteil nöd in Frag gstellt, er hett nur wele en humane Vollzug vo dr Straf erreiche.

Solidarität hett für dr Calvin bedütet, sich für Glaubensflüchtling iizsetze.

Solidarisch isch dr Calvin gsi mit de Opfer vo Huus'halts'unfäll und em damals scho wilde Strasse'verkehr innerorts.

Solidarisch isch dr Calvin aber au gsi mit de Genfer Bürger gege en Ketzer, wo dur sini Aaweseheit d Existenz vo dr Stadt Genf und s Läbe vo ihrne Bewohner gfährdet hett. Hütt chamer sich so öpis fast nüme vorstelle.

Und Solidärität hett für dr Calvin bedütet, sich inere Pestziit grundsätzlich uf d Siite vo dr verängstigte Bevölkerig z schloh und gegenüber de Sündeböck nur no en weniger unmenschliche Tod use'z'schinde.

Dr Calvin isch also ainersiits en Visionär gsi, wo sis Dänke erfolgriich dur di alt Welt und in di noi Wält verbreitet hätt. Und dr gliich Calvin isch es Chind vo sinere Ziit gsi, wo sälber zwar wäge sim Glaube us Frankrich hett müse flüchte, aber d Todesstraf für Ketzer gliich niä in Frag gstellt hett. Genauso wiä dr Calvin als Chind vo sinere Ziit nöd uf d Idee cho isch, dass d Hii'richtig vo angebliche Pestverbreiter en grauehafte Justiz'irrtum sii chönti.

 

Liäbi Gmaind

Ich stelle e rhetorischi Frag: isch dr Johannes Calvin s schwarze Schaf unter de Reformatore, gegenüber de wiisse Schaaf Luther und Zwingli?

Dr Zwingli isch uf em Schlachtfeld gstorbe, mit em Schwert in dr Hand. Er hett scho früäner an Chriägs'züüg vo Innerschwizer Söldner in Nord'italiä teil'gnoh. An sine Hend chlebt Bluät. Das wird nöd so düütlich gsait, wil er in Kappel um s Läbe cho isch, und somit als Opfer in d Gschicht iigange isch. Er isch es bewaffnets Opfer gsi, und an dr Rächtmässigkeit vom Chrieg geged Innerschwizer hett er kai Zwiifel gha.

Bim Luther isch es e chli kompliziärter. Er hett nöd mit em Schwert kämpft. Aber natürlich hetts überall im Iiflussbereich vom Martin Luther d Todesstraf gee für ali mögliche Verbreche, und dr Luther hett das niä grundsätzlich in Frag gstellt. In ere Ziit, wo s no Hungersnöt gee hett, isch s langjährige Iisperre vo Schwerverbrecher nöd eso es Thema gsi.

En wiitere Punkt bim Luther betrifft sini Haltig gegenüber "den sogenannten "Bauernauftänden". Sogenannt, wil nöd nur Landwirt an däne Ufständ teilgnoh hend. Dr Luther hett gsait, mer dörfi diä Ufständ mit Gewalt niederschlah.

Won er gseh hett, wieviel Gwalt derbi aagwendet worde isch, hett er Depressione übercho.

 

Liäbi Gmaind

dr Calvin isch nöd un-heiliger als sin Dütsch-Schwizer Kolleg Zwingli und nöd schlimmer als sin dütsche Kolleg Luther. Es git kei Flucht vor dr Wirklichkeit. Dr Elfenbeinturm existiärt nöd. Mir treffed Entscheid. Im beste Fall bewundered üsi Nachkomme dereinst en Entscheid oder zwei, wo mir troffe hend. Über anderi Entscheid vo üs schüttled üsi Nachfahre dereinst vermuätlich dr Chopf.

Was üs hüt völlig vernünftig vor'chummt, chan us dr Sicht vo spätere Generatione frag'würdig sii oder sogar schlicht und aifach falsch. Das erspart s üs aber nöd, HÜT Entscheidige z treffe und z handle.

 

AMEN.

 

 

Liturgie

    1Eingangsspiel

    2Gruss

    3Lied aus dem Genfer Psalter RG  27,1-3 "O höchster, deine Gütigkeit"

    4(stehend / gemeinsam) RG 218 Gloria

    5Predigttext Matthäus 28,16-20

    6Lied (Blatt) Calvin-Lied englisch (mit Gitarre)

    7Predigt Teil 1

    8Lied aus dem Genfer Psalter RG 66,1.4.5 "Nun danket Gott, erhebt und preiset"

    9Predigt Teil 2

    10Zwischenspiel der Orgel

    11(stehend) Fürbitte

    12Lied (Blatt) Calvin-Lied deutsch

    13Kollekte: Blaues Kreuz

    14Mitteilungen: Chilekafi. Veranstaltungen: - 

    15Schlusslied (Blatt) "Meine Zeit steht in deinen Händen" (mit Gitarre. Cavajom 316)

    16(stehend / gemeinsam) Unser Vater

    17(stehend) Segen

    18(sitzend) Ausgangsspiel