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2009-05-03 Gottesdienst JUBILATE
Predigt Pfr. Jean-Marc Monhart

Predigt über Johannes 15,1-8

"Der wahre Weinstock" (Z)

(1) Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. (2) Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringt. (3) Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich euch gesagt habe. (4) Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich heraus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. (5) Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. (6) Wer nicht in mir bleibt, wird weggeworfen wie die Rebe und verdorrt; man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. (7) Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt, und es wird euch zuteil werden. (8) Dadurch wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet.

 

Liäbi Gmaind

Si hend es Bild übercho. Es isch chli und es isch schwarz-wiiss.

Je älter dr Künstler worde isch, desto meh Geld hett er gha. Wilhelm Steinhausen het er gheisse, dr Maler. In Frankfurt hett er gwohnt.

Und wohlhabend isch er nöd worde, wil er zu Gschichte vo dr Bible Bilder gmalt hett. Guät verdiänt - und mit dr Ziit sogar richtig verdiänt - hett er mit Bilder, wo in viärfacher Art anders sind, wo komplett anderst sind als das Bild, won Ihne dr Herr Schuämacher usdruckt hett.

Viärfach anderst: diä Bilder, wo dr Wilhelm Steinhausen sich dermit e Stadtvilla und spöter no es Landschluss hett chöne poste, sind nöd chli gsi, sondern läbensgross.

Zwaitens. Diä Bilder, wo er Geld becho hett derfür, sind dr Sage'wält und dr griächische Mythologie entnoh gsi, si hend en heidnische Inhalt gha.

Drittens: D Karriere-Bilder vom Wilhelm Steinhausen sind privat gsi. En normale Buäzer hett si niä z gseh becho. Wil: si hend zur Verschönerig vo Privat-Hüüser diänt. In dr zwaite Hälfti vom 19. Jahrhundert, wo d Industrialisiärig Europa veränderet hett, do hend vili riichi Lüüt in ihrne Wohnige welle e Gege-Wält uuf'baue zu däne Fabrike und Schornstein und Dampfmaschine und Isebahne und dräckige Industrie-Arbeiter, wo si dr Tag dur gseh hend. Drum, wer sich s leiste hett chöne, dä hett sich in sim Huus Traumlandschafte vo unberüährter Natur und altertümlich aagleite, suubere Mensche male lah. Diä Freske - Wandbilder im grosse Format -  wo so entstande sind, hett mer sich öpis choste lah. Denn, sälber male chöne, isch s Ainte. Das chönd nöd ali diä Bankdirektore und Kauflüüt und Aawält und Fabrikbesitzer, wo gärn in ihrne Hüüser schöni Bilder wänd. Aber, au wenn mer sälber nöd male chan, gsehnd doch di Meiste, ob öpis, wo anderi gmalt hend, schön gmacht isch oder truurig uus'gseht. Wer zahlt, hett au in vilne Fäll s Aug, zum beurteile, ob diä risige Bilder im Wohnzimmer und im Stäge'huus und im Schlafzimmer öpis tauged oder nöd. Und wenn mer s sälber nöd merkt, chömed bim erste Bsuäch vomene Kolleg automatisch d Reaktione.

Dr Wilhelm Steinhausen hett viärtens farbigi Wandbilder gmalt. Zum Konzept vo Schönheit hett in dr Gründer'ziit Ueppigkeit ghört. Es isch gar kai Frog gsi: es Bild hett müse FARBIG sii. In your face: es hett aim müse is Gsicht gumpe, wenn mer s gseh hett. Kunst in dr Ziit vo dr Industrialisiärig hett dr Betrachter müse überwältige.

Also, mit Bilder, wo viär Bedingige erfüllt hend, hett dr Wilhelm Steinhausen Karriere gmacht.

Erstens, diä Bilder hend müse läbensgross si.

Zweitens, diä Bilder hend idyllischi Landschafts-Szene und mythologischi Figure und heidnischi Sage-Gestalte zaigt.

Drittens: diä Bilder sind privat gsi, innerhalb vo de eigene viär Wänd vo Ville-Besitzer, wo höchstens iigladeni Gescht und Diänst-Personal si gseh hend.

Viärtens: diä Bilder hend müse farbig sii, riich, üppig, erschlagend.

Und das Bild, wo Si für di hütig Predigt becho hend, das isch erstens chli.

Zweitens zaigts e biblischi Szene us em noiä Testament, es isch e Interpretation vom hütige Predigt-Text Johannes 15,1-8.

Drittens isch es es öffentlichs Bild. Das erklär ich denn grad no, es hett öpis mit erstens z tuä, nämlich mit dr "Chli-heit".

Und viärtens: Es isch schwarz-wiiss. Fasch e chli arm.

 

Liäbi Gmeind

in dr Ziit vo dr Industrialisiärig hend zwar immer meh Lüüt in Europa chöne läse und schriibe. Allerdings sind d Arbeits'ziite - gmässe an üserne Mass'stäb - extrem lang gsi. Wenn mer am Obig - unter Umstände sehr spät am Obig - vom Schaffe hei cho isch, denn hett mer nüme gross möge studiäre und läse. Mer isch gschafft gsi. Chummt derzuä es technisches Problem - es technisches Problem mit körperliche Folge: s Liächt. D Belüüchtig. Im gelblich-brünliche Schiin von ere Petrollampe oder im Flackere vo Cherze isch es sehr ermüädend gsi, öpis z läse. Was mer hett chöne, nach eme lange Arbeits'tag und in düsterer Belüchtig: mer hett chöne es Bild aa'luäge. Und dr Inhalt vo dr Gschicht in dr Bible, wo mer nüme gross hett möge läse und chöne verstah, dr Inhalt hett sich aim chöne dur es Bild mit'teile.

Das Bild hett müse chli si. Wils in ere druckte Bilble hett müse Platz haa, als ais vo vilne Bilder zu biblische Gschichte.

Das Bild hett müse schwarz-wiiss si, wil d Bible hett müse billig sii, damit en Arbeiter si sich kaufe chan.

Für dr Künstler, in oisem Fall dr Wilhelm Steinhausen, isch das e Use'forderig gsi: bimene grosse Bild isch dr Kontrast nöd so wichtig. Bime grosse Bild froied sich d Lüüt, wenn d Proportione vom Körper guät troffe sind und wenn s aasprechedi Farbe hett.

Bime chline, schwarz-wiisse Bild, wo mer erschöpft am End vom Tag im truäbe Liächt vonere Funzle betrachtet, imene billig druckte Buäch, da zellt anders.

D Ussag muäs stimme, d Us'strahlig muäs stimme, dr Bild'ufbau muäs stimme. Mer chan nöd  dank liäbe'volle Detail über e lausigi Komposition hinweg'gseh.

S chline, schwarz - grau - wiisse Bild in ere Volks-Bible mus öpis für ain bereit'halte, wenn mer scho gar nüme so rächt uf'nahme'fähig isch. S Bild mus - quasi unverdünnt und ohni müäh'sams Analysiäre - direkt vom Papier via Netz'huut is Un'bewusste ii'dringe. Und wenn aim aa'schlüssend dr schweri Chopf uf d Tisch'platte sinkt und mer iischlafe möcht, denn muäs s Bild und di derzuäghörig Iistellig und sini Uus'sag und d Botschaft bereits übere cho sii. In aim drin.

 

Liäbi Gmaind

im Umgang mit Pflanze chamer lerne, dass Pflanze wachsed. Mer cha si schniide, und entweder sofort oder im nächste Jahr chömed si wider. Wachs'tum isch nüt statisches. Solang d Pflanze läbt, will si gruäne und bluäh und grösser werde. Allerdings isch dr Lebens-Saft vo dr Pflanze begrenzt. Und dr Betrachter, oder dr Gärtner, hett meistens gwüssi Vorstellige über dr Zweck vo dr Pflanze. Bimene Rebstock möcht mer nöd unbedingt möglichst vil Escht und möglichst vil Blätter, sondern mer möcht möglichst süässi Truube. Truube mit eme möglichst hohe Oechsle-G'halt. Also muäs mer vil überflüssigs abhaue. Unter Umstände haut mer sogar Triib ab, wo ebefalls Truube dra wachse würed. Aber wenn ali Truube wächse chönted, wäred si alli für sich zwenig suäss. Dur d Konzentration uf weniger Frücht sind di vorige Frücht suässer.

Im Bild gsehnd mir zweierlei Szene: vorne betrachtet dr Reb'buur en Räb'stock. Si Gsicht gseht nöd us, wiä wenn das di erst Räbe wär, won er betrachtet - weder in sim Läbe noch an däm Tag. Dr Körperhaltig zaigt aber e gsundi Spannig. D Hand uf dr Schuufle isch locker und kraft'voll. Di us'gstreckt Hand isch unver'krampft, hett aber e Ziil'strebigkeit in sich. Wenn diä Hand öpis Ueberflüssigs findet, isch es sehr bald entfernt.

Im Hintergrund, am obere Bildrand, gsehnd mir es chlises Ballet. Es Quartett vo Feldarbeiter verbrennt di abghauene Escht und di us'grissene Räb'stöck. Diä viär Figure gsehnd derbi so locker und ko'ordiniärt uus, dass mer em liäbste d Stäge in dr Bildmitti duruf'laufe und bim Füürle mit'mache möcht.

Allerdings gsehnd mir d Gsichter im Detail vo de Arbeiter im Bild-Hintergrund nöd. Richig nöch gsehnd mir nur s Bild vom Wii-Puur im Vordergrund. Er wirkt zwar nöd un'z'fride, au nöd ver'bitteret. Bloss: en über'schwengliche Ii'druck macht er uf kain Fall. Dr Wii'puur erweckt durchus dr Ii'druck, dass er denn am Fiir'obig froh isch, dass dr Arbets'tag uf'hört.

D Arbet, s Ermüädende dra, di zuänehmend Erschöpfig, gseht mer ihm aa. Und doch hetts dr Künstler, dr Wilhelm Steinhausen, gschafft, in diä Figur mit dr Schuufle esone Art Zfride'heit ine z zeichne. Dr Wii'puur isch mit sich und mit sim Schaffe im Raine. Z Schwitze und z Grabe und z Pflege - das isch ok.

 

Liäbi Gmaind

was chönti sich aim iipräge, wenn mer das Bild zum Predigttext derzuä nimmt? Jünger si vo Jesus, ihm nachfolge, isch vergliichbar mit ere Pflanze, wo wachst, und wo Pfläg bruucht und wo nöd plötzlich fertig isch - denn wenn si ufhöre würd wachse, diä Pflanze, denn wär si e toti Pflanze. Und es hett im Rebberg vili Pflanze, vili Räbstöck.

Jesus vergliicht sich sälber mit eme Wiistock und sin himmlische Vater mit em Gärtner und üs mit de einzelne Räbe.

S Bild macht us dr Gross-Ufnahm en Ueber'blick. Dr Betrachter vom Bild tritt es paar Schritt zruck und betrachtet statt aim Wiistock im Detail en ganze Wii'berg us eme Blick'winkel.

Wenn mir also, erschöpft vome früh-industrielle Arbets'tag, das Bild betrachtet, bechömed mir en Blick für s grössere Ganze. Und das umfasst vili Wii'stöck, wo vom Gärtner pflegt werded, und mer zwiiflet kai Sekunde dra, dass dä seriös Wii'puur s bi jedem Wii'stock genau so liäbe'voll und konsequent aa'gattiget wiä bi däm, wo er - während dem s Bild gmalt worde isch - grad dra isch.

Mir sälber sind en Us'schnitt vom göttliche Schaffe, vo dr göttliche Arbet. Dr Wii'puur kümmeret sich um jede vo ois, er schafft an ois. Dass er - wenn mer das Bild als Bewiis nimmt - sogar müäd wird bim Schaffe an üs, das isch nöd nur befriedigend für en Betrachter, wo sälber muäd isch vom Schaffe. Denn isch es aifach es Kokettiäre mit dr Läbens'situation vom Bild-Betrachter.

Im Kern isch aber d Muädigkeit vom himmlische Wii'puur das, wo im alte Testament als ent'tüüschti Liäbi vo Gott zu sim Volk er'schiint, wenn s Volk immer wider anderi Götter suächt. Wenn s Volk d Gebot vo Gott miss'achtet. Wenn s Volk Gott vergisst.

Und wenn mir s noiä Testament mit'ii'bezüched, chönd mir an di ganz Passion dänke, wo Jesus müäd wird, wil sini Jünger im Garte Gethsemane ischlafed, wo er muäd wird, wo er s Chrüz schleppe muäs, wo er muäd wird, wil er sich am Chrüz verlah fühlt.

Im Unterschied zu de grossflächige, farbige Wandmalerei in Privat'hüüser isch das dah kais rains Wohl'fühl'bild. Es beruhigt zwar, wenn mer s betrachtet, wil do bim Schaffe öpis use'chummt, wil da öpis wachst. Es versöhnt üs mit em Schaffe, wil s e positivi Grund'haltig zur Arbet hett. Aber das Bild hett Stachle, oder Wider'haake. Mir chönd s nöd aifach aa'luäge als Gnuss'mittel. Mir sind im Bild ent'halte, und das nöd als reini Helde, sondern als Pflanze, wo no wachse münd. Als Pflanze, wo nonig voll'komme sind. Als Pflanze, wo dra ume'grabe und gschnitte und g'jätet werde muäs. Mit em Betrachte vo däm Bild als Illustration in ere Arbeiter-Bible klingt vilicht dr Tag uus.

Aber d Gschicht isch nonig fertig. So Gott will, gaht si morn wiiter. 

AMEN.