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2004-10-10, 10:00 Gottesdienst
Predigt Pfr. Jean-Marc Monhart

 

Liturgie

 

Predigttext Römer 14,17-19

    (17)Denn wo Gott seine Herrschaft aufrichtet, geht es nicht um Essen und Trinken, sondern um ein Leben unter der rettenden Treue Gottes und in Frieden und Freude, wie es der heilige Geist schenkt.

    (18)Wer Christus mit einem solchen Leben dient, gefällt Gott und wird von den Menschen geachtet. /

    (19)Wir wollen also alles daransetzen, dass wir in Frieden miteinander leben und einander in unserem Glauben fördern.

 

Liäbi Gmaind,

was hat Essen und Trinken mit Gottes Reich zu tun? Im Brief an die Römer sagt Paulus, dass es im Herrschaftsbereich Gottes nicht um Essen und Trinken geht, sondern um ein Leben unter der rettenden Treue Gottes und in Frieden und Freude, die der heilige Geist schenkt.

Um das zu verstehen, müssen wir den Hintergrund beleuchten. In Oberengstringen können wir Fleisch kaufen im Zentrum, oder, seit der Renovation und obwohl die eigentliche Metzgerei nicht mehr besteht, im Coop. Es gibt zwar verschiedenes Fleisch, beim Coop kann man zwischen Bio-Fleisch und „normalem“ Fleisch auswählen. So oder so ist das Fleisch aber nicht religiös. Wir kaufen kein „frommes“ Fleisch, sondern: wir kaufen Fleisch, wir essen es, und basta.

Unsere Schweinhalssteaks und der Salami stammen in der Regel aus industriellen fleischverarbeitenden Betrieben. Natürlich wollen wir nicht, dass die Tiere beim Schlachten unnötigen Schmerz empfinden. Aber im Allgemeinen vertrauen wir darauf, dass die Migros oder der Coop sich schon darum kümmern, dass die Schlachttiere ordentlich behandelt werden. Ausserdem haben wir Tierschutzgesetze, die eine anständige Behandlung der Tiere bei ihrer Aufzucht regeln sollen. Das ist so in etwa unser Zugang zum Fleisch-Essen.

Im römischen Reich ging es weniger gesetzlich geregelt und dafür mehr abergläubisch zu. Ein Leben wegzunehmen wurde früher generell als Eingriff ins Gleichgewicht der Welt betrachtet. Im römischen Reich dachte man: Wenn ich einem Tier das Leben wegnehme, dann mache ich etwas, das mir schaden kann. Das Töten eines Tieres führt dazu, dass ich zwar sein Fleisch essen kann. Aber der Geist bzw die Seele des Tieres, das esse ich nicht. Die Seele des Tieres ist noch irgendwo da. Und die Seele des Spanferkels ist sauer auf mich, weil ich ihren Körper gegessen habe. Und wenn ich viel Fleisch esse, dann verfolgen mich nach der heidnischen Einstellung aus der Zeit der alten Römer viele gehässige Tierseelen. Sie wollen in meine Träume kommen und mich plagen. Nachdem ich ihre Körper getötet habe, wollen sie nun meinen Körper töten.

Dafür gibt es eine Abwehr. Es gibt einen Schutzmechanismus. Das Tier wird nicht von mir geschlachtet. Das Tier, das ich esse, wird auch nicht für mich geschlachtet. Sondern das zum Essen bestimmte Tier wird im Namen einer Gottheit geschlachtet. Beim Schlachten ruft man den Namen der Gottheit an. Man schiebt die eigene Verantwortung auf den Gott Mars, oder den Gott Juppiter, oder die Göttin Astarte, oder die Göttin Diana, oder den Gott Merkur ab. Und dann hat die Seele des Suppenhuhns nichts mehr zu melden. Denn ich bin ja nur ein Mensch. Nach dem altrömischen Verständnis der Welt gibt es zwar einen Unterschied zwischen Tier und Mensch, aber so wahnsinnig gross ist der Unterschied nicht. Gegen mich könnte eine Tierseele schon gefährlich werden. Aber nicht gegen eine Gottheit. Gegen eine Gottheit hat die Tierseele keine Chance. Was will die Seele einer gebratenen Ziege gegen den mächtigen Kriegsgott Mars oder die unerbittliche und treffsichere Jagdgöttin Diana ausrichten? Da sieht der Geist des Tieres ein: wenn der, der mich isst, sich unter den Schutz eines mächtigen Gottes stellt, muss ich ihn in Ruhe lassen.

Liebe Gemeinde, wenn wir jetzt im römischen Reich zur Zeit des Apostels Paulus gelebt hätten, was würde das für uns als Christen bedeuten?

Es würde bedeuten, dass wir Mars-Huhn essen. Und Juppiter-Hasenbraten. Und Merkur-Salami. Und Diana-Hirschgeschnetzeltes. Wir würden frommes Fleisch essen. Fleisch, das beim Metzgen routinemässig und sicherheitshalber einer Gottheit geweiht wurde. Damit mir, damit uns beim Essen nichts passieren kann. Wir essen ja, damit wir stark werden, damit an unserem Leben etwas an Kraft hinzugefügt wird.

Sicherheit spielt zwar auch heute noch eine Rolle. Für uns besteht Sicherheit allerdings darin, dass die Metzgereien regelmässig vom Lebensmittelinspektor auf Hygiene überprüft werden und dass kein Fleisch über das Verfallsdatum hinaus verkauft wird.

Gibt es Mars? Den Gott Mars? Ich glaube nicht.

Gibt es Astarte? Die Göttin Astarte? Ich glaube nicht.

Gibt es Juppiter? Den Gott Juppiter? Ich glaube nicht.

Es gibt Gott. DEN Gott. Das glaube ich. Den Gott, der uns seinen Sohn geschickt hat, um uns zu erlösen, und der uns seinen heiligen Geist schenkt, als Trost und Beistand bis zum Ende der Zeit.

Einige Christen in den frühen Kirchgemeinden dachten schon so, wie ich heute denke. Sie hielten sich deshalb für stark. Andersgläubige Christen bezeichneten sie im Gegensatz dazu als „schwach“. Paulus greift in seinem Brief die Bezeichnungen „stark“ und „schwach“ auf. Er sagt den Starken: selbstverständlich habt ihr Recht. Aber ihr liegt daneben, weil ihr Euer Recht-Haben wie einen Sieges-Pokal vor euch hertragt. Natürlich habt ihr Recht, sagt Paulus den selbsternannten „Starken“, aber es geht hier gar nicht um Recht-Haben. Es geht um Rücksichtnahme gegenüber den Schwachen, den sogenannt „Schwachen“.

Was glauben denn diese Schwachen? Sie glauben das, was auch heute noch viele Menschen glauben: nämlich, dass es viele Mächte gibt auf dieser Welt, hinter dieser Welt. Dass es viele Kräfte gibt, Faktoren, die uns beeinflussen und sogar beherrschen wollen.

Weil die sogenannt „Schwachen“ genau wie die selbsternannten „Starken“ Christen sind, glauben sie an Gott.

Aber währenddem die Starken glauben, dass es ausser Gott nichts gibt, halten die Schwachen alle anderen heidnischen Gottheiten für Wirklichkeit. Sie glauben, dass es eine Athena und eine Astarte und einen Ba’al und einen Mithros gibt.

Allerdings glauben sie, dass der himmlische Vater stärker ist als Mithros und Ba’al und Merkur und Astarte.

Die „Schwachen“ glaubten, wenn sie beim Gott der Bibel Zuflucht suchen, dann sind sie in Sicherheit vor den weniger mächtigen Göttern.

Genauso, wie der Durchschnittsrömer glaubte, dass er sicher ist vor der Rache der gegessenen Tiere, wenn er die Verantwortung für den Tod der Tiere auf eine Gottheit abschiebt.

Paulus sagt, die Starken sollen die Schwachen nicht provozieren. Wenn ein Schwacher einen Starken Mars-Fleisch essen sieht, dann wirkt das auf ihn, wie wenn Mars angebetet werden würde. Das ist gegen das Gebot, nur Gott allein anzubeten.

Wichtig ist es, dass die im Glauben fortschrittlichen Christen das schlechte Gewissen der weniger reifen Christen ernstnehmen.

Natürlich soll die Unreife der schwachen Christen kein Dauerzustand sein.

Irgendwann sollen sie es auch begreifen, was Paulus schon lange weiss, dass es nur einen Gott gibt, und alles andere bloss Geschöpfe, aber eben nicht Gott sind.

Diese Einsicht soll man den Christen, denen der Aberglauben noch in den Knochen sitzt, nicht um die Ohren schlagen.

Denn wo Gott seine Herrschaft aufrichtet, geht es nicht um Essen und Trinken, sondern um ein Leben unter der rettenden Treue Gottes und in Frieden und Freude, wie es der heilige Geist schenkt.

Liebe Gemeinde, was die frühen Christen getan haben, um dieses Harmonieproblem zu lösen, weiss ich nicht. Für die geistlich Schwachen gab es vermutlich mit der Zeit christliche Metzger, die die Tiere dann im Namen Gottes schlachteten.

Was ich hingegen weiss, ist, dass mit dem Christentum der Starken die Säkularisierung begann.

Säkular ist das Gegenteil von heilig, ewig, oder religiös dominiert.

Es gab im römischen Reich immer mehr Christen, für die ein Huhn ein Huhn war, und nicht eine wandelnde Verpackung für einen bösen Geist, der mir schlechte Träume macht.

Das heisst nicht, dass man deswegen respektlos umgeht mit den Tieren.

Wir sind dem Schöpfer der Welt Rechenschaft schuldig. Der Schöpfer verlangt von uns, dass wir die Schöpfung pflegen. Das bedeutet, wir müssen respektvoll mit den Bestandteilen der Schöpfung umgehen.

Das Schwein, aus dem Salami gemacht wird, ist so ein Teil der Schöpfung. Aus Gehorsam Gott gegenüber und aus Bewunderung für sein Schöpfungswerk und aus Dankbarkeit für seine Freigiebigkeit behandle ich die Tiere gut.

Aber ich behandle die Tiere nicht respektvoll, weil ich Angst habe vor bösen Geistern.

Sondern ich behandle die Tiere respektvoll aus Treue zu dem einen, guten Gott.

Dass der Unterschied zwischen Tier und Mensch aus der Sicht der heidnischen Römer nicht so wahnsinnig gross ist, sieht das alte Testament übrigens genauso: aus biblischer Sicht sind Menschen und Tiere Bestandteile der Schöpfung, sie sind Erschaffenes.

Paulus denkt nicht, dass man Reife im Glauben erzwingen kann. Wenn jemand Angst hat vor Geistern, dann kann man ihm einerseits sagen, es gibt keine Geister.

Wenn eine Person Angst hat vor Geistern, kann man ihr aber auch sagen: Jesus hat die Geister besiegt. Er ist stärker als die Geister.

Diese zwei Grundpositionen gibt es bis zum heutigen Tag im Christentum.

Christen in Afrika, in der Karibik und in Südamerika gehen meistens mit totaler Selbstverständlichkeit davon aus, dass es Geister gibt.

Für viele Christen protestantischer Prägung steht dagegen ebenfalls selbstverständlich fest, dass es keine Geister gibt.

Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen sind intellektuell nicht vereinbar.

Wir müssen einfach zur Kenntns nehmen, dass es hier zwei grundsätzliche Standpunkte gibt.

Welcher Standpunkt falsch ist, werden wir vermutlich in diesem Leben nicht mehr herausfinden.

Deshalb hat die Schlussfolgerung von Paulus bis heute Gültigkeit: auch wenn ich im Recht bin, ist das Entscheidende, wie ich mit den Brüdern und Schwestern im Glauben umgehe.

Die Meinungen bleiben vielleicht verschieden.

Aber wenigstens ist unser Umgang geprägt von Respekt, Frieden und Freude.  

AMEN.

 

Liturgie

 

    01Eingangsspiel

    02Gruss

    03Morgenlied EG 557,1-6 „All Morgen“

    04(stehend / im Wechsel) EG 120 {Psalm 77}

    05Eingiessen des Taufwassers. Personalien

    06Tauflied KU 201,1-5 „Die ersten Schritte“

    07Tauffragen, Taufe, Taufvers, Segen

    08Worte zur Taufkerze, Entzünden der Taufkerze

    09Melodie „Weisst du, wieviel Sternlein stehen“

    10(stehend) Anbetungsgebet zur Taufe

    11Tauflied EG 175 (1 x Flöte, 2 x singen mit Orgel)

    12Predigttext Römer 14,17-19

    13Lied mit Gitarre KU 102,1-5 „I’m gonna sing“

    14Predigt

    15Zwischenspiel

    16(stehend) Fürbitte

    17Lied KU 92,1-3 „Swing low“ mit Gitarre und Orgel

    18Abkündigungen Frau Hitzler und Danielle Stephan

    19Leidstrophe EG 674,3

    20Kollekte: Landhilfe

    21Mitteilungen: Ferien

    22(stehend / gemeinsam) Unser Vater

    23(stehend) Segen

    24(sitzend) Schlussspiel